Depressionen und Tinnitus

von Dr. Helmut Schaaf und H. Holtmann
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Wichtiger Hinweis:     Über internet und email   kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens

Depressionen nach Tinnitus

Depressionen gehören, wie die Angststörungen, zu den verbreitetsten seelischen Erkrankungen unserer Zeit. Dabei können den Depressionen vielfältige seelische, aber auch körperliche Ursachen zugrunde liegen. Hier soll skizziert werden, daß und wie Tinnitus zu depressiven Entwicklungen führen kann. Gleichzeitig soll darüber berichtet werden, daß depressive Erkrankungen einen möglicherweise schon vorhandenen Tinnitus deutlicher in die Wahrnehmung rücken können,

Entwicklungsgeschichtlich ergab sich mit Hilfe der Fernsinne Geruch, Augen und Ohren die lebensrettende Chance, gefährliche Situationen wahrnehmen zu können, ehe die Situation ausweglos wurde.   In diesem Sinne hat sich in unseren vererbten biologischen Programmen festgesetzt, sich neu auftretenden Geräuschen sofort und in höchster Alarmbereitschaft zuzuwenden. So war es für Menschen, die vor noch gar nicht allzu langer Zeit in einer Welt voller Gefahren um ein Lagerfeuer saßen, überlebenswichtig, beim Knacken eines Astes sofort hin-zuhören.
Je nach der Ursache des Geräusches waren dann die drei wichtigsten Reaktionen:


Nur wenn etwas Bekanntes oder Vertrautes identifiziert werden konnte, durfte sofort Entspannung einkehren.

Dies gilt natürlich auch für den Höreindruck Tinnitus, der in aller Regel unbekannt und negativ bewertet wird.

Dabei kann bis zu einer - für den Betroffenen !!! - stimmigen Aufklärung so viel angespannte Aufmerksamkeit nötig werden, daß über eine rastlose, zu Handlungen anfordernde Unruhe mit Erhöhung des Aktivitätsniveaus
· Nervosität
· Konzentrationsstörungen
· Schlafstörungen
· eben darüber hinaus auch eine depressive Entwicklung
ausgelöst werden können.

Dabei können sich Reaktionen und Verhaltensmuster einstellen, in denen sich viele Anteile des Musters: Angriff (etwa bei der "agitierten" Depression), Flucht (etwa bei der erlernten Hilflosig-keit) oder Totstellen (bei der schweren depressiven Episode ) wiederfinden lassen.

Wird dieser Prozeß weder bewußt noch unbewußt durchbrochen, kann(!) dies in der totalen Erschöpfung enden.

Der die "Not wendende" Einstieg in die Behandlung ist das "sich vertraut machen" mit den Ursachen und Auswirkungen des Tinnitus, um den aufreibenden Kreislauf zwischen Tinnitus und Aufmerksamkeit beenden zu können. Dazu dienen nach sorgfältiger Diagnostik ein - möglicherweise wiederholtes - Gespräch mit einem kundigen Experten.

Tinnitus bei Depression

Der Tinnitus kann aber auch das erste, für den Patienten hörbare! Zeichen einer seelischen Not oder Krise sein. Dann zeigt er oft die seelische Angst und/oder wird zum ersten - körperlich empfundenen - Zeichen einer Bedrohung des seelischen Gleichgewichtes.   Oft, aber nicht notwendigerweise, liegen bereits organische Vorschädigungen (etwa einer vorbestehenden Lärmschädigung) vor, meist auch ein bis dahin erträglicher oder gar unbedeutender Tinnitus.
Wenn der Tinnitus derart in einer krisenhaften Situation in die Wahrnehmung gerückt ist, vermuten wir als Ursache der verstärkten Tinnitus-Wahrnehmung eine Schwächung der Hörfilter.
Dabei zeigen sich aus der Dynamik der seelischen Vorgänge (psychodynamisch) die auch sonst bei Depressionen zu findenden Konflikte und / oder Grundsituationen in folgenden Kern-Bereichen:

1. Konflikthafte äußere Lebensbelastungen, hier insbesondere Verluste in Beziehungen, Krisen und Traumata.

2. Fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung

3. Abhängigkeitsentwicklungen im Widerspruch mit Selbständigkeitswünschen,

4. Tatsächliche Unterwerfung im Widerspruch mit dem Wunsch nach Kontrolle.

5. Versorgungswünsche im Widerspruch mit Selbständigkeitsbestrebungen

6. Selbstwertkonflikte, Gewissens- und Schuldkonflikte,

7. sexuelle Konflikte und Identitätskonflikte,

Nun hat die Seele meist nicht die Möglichkeit, sich einfach verständlich in Sprache oder gar "rational" auszudrücken, sondern bedarf anderer Überbringer der Botschaft.   Dies sind oft körperliche (somatisierte) Beschwerden.
Dem Tinnitus kann dabei die Aufgabe zu kommen, einen - meist großen - Teil der unbewußten Angst im seelischen Prozesses zu binden. Der Vorteil dieser - auf unbewußter Ebene bestmöglicher - Konfliktlösung ist, das damit die Angst eine Adresse bekommt und "als Aufschrei der Seele" nach Außen getragen werden kann.

In der Dynamik der Seele stellt damit der Tinnitus das Korrelat der "Signalangst" dar. Wir sagen oft, daß der Tinnitus der somatische (körperliche) Kristallisationspunkt des sich darin ausdrückenden seelischen Prozesses ist.
Der Körper äußert sich da, wo die Seele sich nicht verständlich machen kann.

Die - dem Patienten und natürlich auch dem Umfeld nicht bewußte - Gefahr liegt allerdings darin, daß der Schrei nach Hilfe auf die körperlich empfundene (somatisierende) Komponente beschränkt bleibt.

Dadurch ergeben sich - im besten Bemühen - oft viele Sackgassen und Irrwege, die nicht mit Infusionen und Sauerstofftherapien beendet sind. Allerdings reicht es auch nicht aus, den Patienten mit seinen körperlich empfundenen Problemen mit einem Verweis auf die Psychotherapie abzutun .

Erst wenn über und hinter dem Tinnitus-Leiden die körperlich ausgedrückte, aber seelisch getriebene Not verstanden und bearbeitet wird, kann aus der Krise auch eine Chance und Herausforderung werden.

So muß hier das neurootologische Counselling und Retraining im engeren Sinne mit den psychotherapeutischen Bemühungen Hand in Hand gehen, um die durch die Krise angezeigte Not und Chance zu bearbeiten !!!!

Da dies oft gar nicht so einfach ist, wird manchmal eine stationäre psychosomatische Behandlung notwendig. Hier kann dann die Neurootologie und die psychosomatische Behandlung unter Einbeziehung körperorientierter, oft gar nicht so psychotherapeutisch aussehender Verfahren Hand in Hand gehen. Dann kann meist ein Zugang zu den direkt oder zumindest mitbestimmenden wichtigen seelischen Konstellationen erschlossen werden.

Dies kann in der Psychotherapie auch in Worte und Symbole übersetzt und weiterverfolgt werden, damit das Erfahrene auch verstanden und umgesetzt werden kann.

Dann können bearbeitete Depressionen sogar die Chance bieten, auch neue Möglichkeiten im Umgang mit alten Konflikten zu eröffnen.

Anti-Depressiva und Tinnitus

Die Möglichkeit, seelische Probleme auch mit Medikamenten, mit Psychopharmaka, beeinflussen zu können, ist oft segensreich und gleichzeitig verführerisch: Als Arzt kann man der nach eigenem Verständnis oft scheinbar unaushaltbaren Situation, so gar nichts - handfestes - tun zu können, entfliehen. Zugleich entspricht man dabei meistens den Erwartungen vieler Patienten, die davon ausgehen, daß der Arzt für alles eine Pille haben muß.

Der Preis dafür ist oft hoch. Es ist kaum abzuschätzen, wie viele Patienten, meist mit Valium-ähnlichen Mitteln, schlecht bedacht oder gar in eine Sucht "entlassen" werden.
So sind Vorsicht und Zweifel vor allem vor Schlaf- und Beruhigungsmitteln angebracht und notwendig.

Teilweise erschwert diese zu Recht in Verruf gekommene Praxis ausgerechnet dann die Nutzung der Psychopharmaka, wenn sie nötig werden.
Dies kann als vielleicht nur vorübergehende Stütze und speziell - bei bestimmten und schweren Depressionen, als segensreiche, längerfristige Hilfe von außen nötig sein.
So haben antidepressive Medikamente durchaus ihre Berechtigung, wenn sich bei oder durch den Tinnitus eine ernsthafte behindernde Depression einstellt. Manchmal sind sie dann nötig, um überhaupt erst therapeutisch in Kontakt kommen zu können.
Dann setzen auch wir sogenannte "Antidepressiva" ein. Dabei unterscheiden sich die dazu fachgerecht eingesetzten Medikamente deutlich von den Schlaf- oder Beruhigungsmitteln.

Die Befürchtung, daß durch Antidepressiva der Tinnitus lauter werden könnte, wird durch die meisten Beipackzettel genährt.

Richtig daran ist, daß Antidepressiva Empfindungen verändern können, und damit auch die subjektive Tinnitus-Lautheit. Richtig ist aber auch, daß Antidepressiva etwas dickhäutiger gegenüber seelischen Verletzlichkeiten machen und mehr Stütze im Außen geben.
So nutzen nach unserer Erfahrung bei sorgfältiger Diagnose und Indikationsstellung Antidepressiva mehr als sie schaden - und dabei wird dann auch der Tinnitus leiser empfunden.

Wir raten allerdings dringend, Psychopharmaka nur mit Anleitung eines Facharztes einzunehmen. In der Regel sollte gleichzeitig eine Psychotherapie erfolgen, um auch selbst etwas zu ändern, soweit das geht.

Chancen eröffnen und offen halten

Als unsere Aufgabe sehen wir es an, die Struktur dafür zu bieten, die einzelnen Puzzelsteinchen mit den Tinnitus-Betroffenen zusammenzusetzen und die verschiedenen Diagnosen in ein Gesamtbild zu ordnen.
Aufgabe unserer Patienten ist es, daraus erkennbare und nachvollziehbare Handlungsmöglichkeiten aufzunehmen und neue Schritte zu versuchen. Dies beinhaltet symptomorientiert ein Hör- und Geräuschtraining sowie vielfältige, abgestimmte Möglichkeiten, das Tinnitus-Empfinden im oben beschriebenen Sinne zu verändern.
Offen ist die eine Chance, nicht nur ursächlich in das Tinnitus-Geschehen einzugreifen, sondern über einen ersten Schritt aus der Ohnmacht hinaus in einen Lebensweg zu kommen, in dem wieder Gestaltung und eine neue Lebensqualität möglich ist.

Leiden und Heilen wie im Märchen

Dass Veränderungen erst durch Leiden angestoßen werden, erscheint bei den heutigen Möglichkeiten zunächst ungewöhnlich, unnötig, verständlicherweise auch als unfair. Wir vergessen oft und gerne, daß wir unendliches Glück haben, hier und jetzt leben zu dürfen: Nicht hier vor noch 50 oder 100 und 150 Jahren, und nicht jetzt vielleicht nur 500-1000 km entfernt in Regionen, wo Krieg und Not, Ungerechtigkeit und Grausamkeit an der Tagesordnung sind.
Dennoch sind wir vom Paradies auf Erden meilenweit entfernt. Auch scheinen - zumindest seelische - Entwicklungen oft Hindernisse und Widerstände mit Gelegenheit zum Wachstum zu brauchen. Nimmt man Märchen als Geschichten, die über Generationen hinweg Grundmuster allgemeinmenschlichen Verhaltens weiter erzählen, so zeigt sich schon dort, daß zumindest seelische Reifungsvorgänge nicht glatt von der Hand gehen.
Kein Prinz bekommt seine Prinzessin ohne Prüfung oder Kampf gegen den Drachen, keiner Prinzessin fällt der Wunschprinz in den Schoß. Innere Reife im Leben scheint erst nach einer Leidensstrecke erlangt werden zu können und so zeigen Märchen schon und immer wieder das volle menschliche Leben mit allem Dunklen, Bösen, Leiden, aber auch den dagegen wirkenden lichten, guten und heilenden Kräften.
In den entsprechenden Märchenmotiven wird etwa Rotkäppchen verschlungen. Bei dieser Grausamkeit bleibt es aber nicht, sondern es folgt, wie bei den meisten Märchenmotiven, auf die Qual oder den Tod die Wiederauferstehung als Symbol für das geglückte Erreichen in der nächsthöheren Reifungsstufe. Es werden also Qualen der Reifung dargestellt, die zumindestens im Unbewußten Vorstellungen über Bedrohung und Errettung bilden helfen. (Kleespies: Vom der Sinn der Depressionen).

Alles Logo? Wo liegt der Sinn?

Oft geht es auch schlechthin um den Sinn des Lebens. Die Zuversicht in die bedingungslose Sinnhaftigkeit des Lebens hat Viktor E. Frankl systematisch in die Psychotherapie eingeführt. Auch noch so tiefe Abgründe von Leid, Schuld oder Tod minderten diese Aussage nicht, im Ge-genteil hat er diese als Herausforderung des Lebens an die Person und die menschliche Reaktionsweise formuliert.
So fördere Leid die Hellsichtigkeit des Menschen und die Durchsichtigkeit der Welt. In beiden Fällen werde die Sicht des Menschen erweitert, erneuert, evtl. korrigiert, auf jeden Fall intensiviert. So sehe der leidende Mensch mehr: er sehe nicht nur mit seinen Augen im Gesicht, sondern auch mit den Augen des Geistes und nehme geistig mehr wahr.
Als weniger hilfreich und "sinnvoll" wird die Frage nach dem Warum betrachtet. "Warum ist meine Tochter behindert"? "Warum ist mein Mann ein Trinker?" "Warum hat mich meine Frau betrogen?" "Warum bin ich krank geworden? und dann natürlich auch die Frage: "Warum habe - ausgerechnet - ich (deswegen sogar?) Tinnitus, warum ist er so laut, behindert mich usw.? "
Dieses Forschen nach diesem Warum sei zwar öfters erfolgreich, aber eben selten hilfreich, weil es uns auf die falsche Fährte locke. So schreibt Frankl: "Das Leben ist es, daß den Menschen die Fragen stellt. Der Mensch hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten - das Leben zu verantworten hat. Die Antworten aber, die der Mensch gibt, können nur konkrete Antworten auf konkrete Lebensfragen sein". Die Fragen, die das Leben uns stellt, könnten wir uns nicht aussuchen. Aber die Anworten die wir darauf geben, seien Zeugnisse unserer ureigensten geistigen Haltung, gleichsam Fingerabdrücke unseres Lebens.
In dem Augenblick, wo ich nicht mehr die Frage nach dem Warum stelle, sondern wie reagiere ich darauf, käme ein Reifeprozeß in Gang, der der eigenen Entwicklung diene.
In diesem Sinne wird entgegen der landläufigen Meinung angenommen, daß nicht die Eindrücke, die Impulse, die aus der Umwelt auf uns einströmen uns prägen, sondern die von uns ausgehenden Antworten. So mache uns nicht etwa das Leiden, das wir empfangen böse, sondern ein Leid, das wir erzeugen.
Der unbedingte Glaube an die bedingungslose Sinnhaftigkeit des Lebens führte dann dazu, wie Frankl postuliert, daß nichts auf der Welt Anlaß zu Hoffnungslosigkeit und Zweifel bietet, weil bei aller Tragik die Hoffnung bestehen bleibt, daß etwas Sinnvolles daraus erwächst.
Für sich selber hat dies Frankl selbst unter widrigsten Bedingungen im Konzentrationslager gelebt und nicht letztlich daraus seine "Logotherapie" (Logos, griechisch = Sinn) entwickelt.
Für uns Normalsterbliche, die wir Leid und Trauer lieber auf der weit weggerückten Seite unseres Lebens sehen, ist der Ansatz nicht einfach und sicherlich oft auch überfordernd.

Da ich mir nun aber nicht mehr aussuchen kann, ob ich erkrankt bin und wie schwer ich bis jetzt erkrankt bin, kann auf der Suche nach dem Gesunden und dem Hilfreichen eine Perspektive entwickelt werden, in der wieder Gestaltung möglich ist.
Bei der Betrachtung psychosomatischer Erkrankungen gehen logotherapeutische Ansätze, wie von E. Lukas in dem m.E. sehr lesenswerten Buch von der "Suche nach dem Sinn" beschrieben, nicht nur der psychosomatischen Wirkungskette bis zur Schädigung nach. Sie vermuten darüber hinaus, daß nicht nur (schädigende) Faktoren von außen eine Rolle spielen, sondern auch nicht gelebte Möglichkeiten der Betroffenen.

"Wer die Möglichkeiten der Gegenwart nicht ausschöpft, verliert Ausschöpfungskräfte, alle nicht gebrauchten Glieder werden schwach und analog dezimieren sich geistige Ressourcen un-gebraucht. Wer Kräfte verliert, hat wiederum keinen Widerstand gegen Krankheit und Siechtum, aus Einzelfällen wird chronisches Leiden. So findet sich in großen Prozentsätzen bei psychoso-matisch chronisch kranken Patienten ein diffuses Schuldgefühl, nicht mehr aus ihrem Leben ge-macht zu haben, und in Reaktion darauf eine Lähmung der Bereitschaft, aus dem Rest ihres Lebens noch etwas zu machen."

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20.3.2004