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Psychogener Schwindel bei otologischen Erkrankungen
H. Schaaf
Das Thema »psychogener Schwindel bei
otologischen Erkrankungen«, eröffnet, mit Günther Grass gesprochen, »ein
weites Feld« und darüber hinaus auch ein oft unscharf und wenig konturiert
erscheinendes zugleich. Dieses ist zumindest in einem ganz eindeutig: Er
ist häufig – die Zahlenangaben schwanken dabei zwischen 30 und 50%
(Eckhardt-Henn).
Nun ist schon allein der Aspekt des Schwindels
ebenso vieldeutig wie umfassend: So wird der Begriff Schwindel benutzt für
- das Gefühl des Schwankens
- der Unsicherheit und
- des Taumels
hinsichtlich des Körpererlebens und des Schwinden der Sinne.
Er
wird aber – ungebrochen – auch benutzt hinsichtlich des – aktiven –
Erzählens der Unwahrheit. So lautet denn auch eine hausärztliche
»Weisheit«:
»Nirgendwo wird soviel geschwindelt wie beim
Schwindel«.
So kann Schwindel nicht nur den physischen sondern auch
den psychischen und den moralischen Verlust des Gleichgewichts ausdrücken.
So ist es nicht erstaunlich, daß Schwindelerkrankungen gut die Hälfte der
Beschwerden ausmachen, die Menschen zum Allgemeinarzt führen.

Wenn man dann sehr genau hinschaut, wie das Claussen und Claussen
1987 gemacht haben, dann lassen sich bis zu 386 mögliche Ursachen für
Schwindel-Erkrankungen sinnvoll unterscheiden. Den HNO-Arzt betreffen
dabei meist die vestibulären Erkrankungen. Auf der Einteilung Frenzels
finden sich diese Erkrankungen auf der klaren, sauber zu
diagnostizierenden organischen Seite.

Grundlagen des
Gleichgewichtssystems
Seit Urbeginn des irdischen Lebens spielt
die Schwerkraft der Erde eine entscheidende Rolle für alle Lebewesen. So
haben sich schon einzellige Meeresbewohner mit Hilfe einfachster
Mechanismen eine Orientierung über oben und unten verschaffen können. Da
sich in der Evolution letztendlich alles bewährte durchgesetzt hat, findet
sich dieses Grundelement bis in unser hochkomplexes Gleichgewichtsorgan im
Sacculus. Hinzugekommen sind zusätzliche Wahrnehmungsstationen für links
und rechts und für Drehbewegungen.
Grundlagen des
Gleichgewichtssystems
So stützt sich das menschliche
Gleichgewichtssystem auf vielfältige Nervenverschaltungen mit Anteilen
- im Gleichgewichtsorgan im Innenohr
- dem Kleinhirn
- den Rückenmarksbahnen
- den Augen
- Propriozeptoren (Tiefensinn in Muskeln, Sehnen und Gelenken und der
Tastsinn) und
- aus dem limbischen System.
Nicht zuletzt sind wir Menschen in der Lage, einige der vielen
Gleichgewichtseindrücke bewußt zu machen, zu erleben und zu ändern.

Was aber ist Psyche und psychogen
überhaupt?»Psyche: Zwischen-Hirn und Herz?!«
Wenn man die
Übersetzung aus dem Griechischen wagt, entpuppt sich die Psyche ganz
schlicht als »Seele«. Deren Existenz wurde im Laufe der menschlichen
Entwicklung lange Zeit ebenso selbstverständlich wie unreflektiert
ungetrennt vom Körperlichen gesehen.
Im Laufe auch des
medizinischen Fortschrittes wurde beides mehr und mehr getrennt und die
Seele auch auf ihre stoffliche Seite hin hinterfragt. So stellte sich die
Frage, ob die Seele, ihren Sitz im Stammhirn und limbischen System hat,
und quasi (»nur«) ein evolutionär erworbenes Programm mit deutlich
emotionalen Komponenten ist.

Sicher ist, daß das limbische System eine wichtige Schnittstelle
ist, wo gefühlsbetonte Impulse wahrgenommen, interpretiert, bewertet (!),
und – meist – in muskuläre Aktionen umgesetzt werden, und das in der
Regel, bevor das Bewußtsein erfährt, was eigentlich geschehen ist. Dabei
ist inzwischen unbestritten, daß diese »emotionale Intelligenz« kein Luxus
ist, sondern schlicht für das, was Mensch-Werdung und Mensch sein
ausmacht, überlebenswichtig ist. So stellt »das Psychische« die andere
Seite der Medaille Mensch oder eben die andere Seite der menschlichen
Existenz dar.

Dennoch scheint das, was »die Seele« ausmacht,
keinen festen, oder gar organisch faßbaren Platz im Körper zu haben. So
kann sich Seelisches überall ausdrücken, aber nur selten »stofflich«
finden lassen.
Was ist dann ein psychogener
Schwindel?
Nun ist oft die erste Idee: Ein psychogener
Schwindel liegt vor, wenn ich organisch nichts finde! – eine Idee, die
nicht nur einen wesentlichen Teil-Aspekt beschreibt, sondern auch häufig
verbreitet ist. Dagegen ist so lange nichts einzuwenden, wie man
übersetzen darf: Hier können wir nichts Organisches finden, oder zumindest
nichts, was den Schwindel ausreichend erklärt.
Unter »nichts ist
dabei zu verstehen, wirklich NICHTS – nach einer sorgfältigen
allgemeinmedizinischen und neurootologischen Untersuchung, denn nur so
können auch schwieriger zu erkennende Erkrankungen wie
Kleinhirnbrückenwinkeltumoren oder die multiple Sklerose diagnostiziert
werden.
In einem zweiten Schritt muß dann aber die
psychosomatische Sicht erlaubt sein, nach etwas anderem zu sehen.
Das seelische Gleichgewicht
Genauso wie es ein
körperliches Gleichgewichtssystem gibt, existiert auch ein seelisches
Gleichgewicht. Dieses unterliegt einer Regulationsleistung mit Zufuhr und
Abfuhr, Wachstum, Gestaltung und Anpassung.
Das dazu notwendige
Beziehungsgeflecht muß im Gleichgewicht mit den Bedürfnissen des Einzelnen
stehen. Dies wird spätestens deutlich, wenn sich in Depressionen, nicht
kontrollierbaren Ängsten, Zwängen und/oder psychosomatischen Erkrankungen
eine Unausgeglichenheit oder gar eine Vernachlässigung zeigt.

Schaut man sich die Entwicklung »des Seelischen« beim
heranwachsenden Menschen an, so fällt auf, daß das Emotionale beim
Säugling und Kleinkind noch sehr körperlich ausgedrückt wird. Wenn ein
Kleinkind zufrieden ist, strahlt es, wenn es Hunger oder Durst hat, unwohl
liegt oder gewickelt werden muß, schreit es. Dann entwickelt sich bei
gesundem Wachstum und ausreichendem Kontakt zu anderen Menschen der breite
Fächer emotionaler Qualitäten heraus, wie sie dem erwachsenen Menschen zur
Verfügung stehen. Lust differenziert sich in Zufriedenheit, Freude,
Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung, Zärtlichkeit; Unlust in Angst, Furcht,
Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit.
Schwindel kann nun entstehen (ausgelöst werden), wenn einer der am
Gleichgewicht beteiligten Komponenten erkrankt und/oder gestört ist oder
wenn es »Mißverständnisse« (»Kollisionen«) der verschiedenen Komponenten
untereinander gibt. Dies haben Stoll und Schwab für die körperlichen
Komponenten beschrieben und dies gilt auch für die seelischen und sozialen
Komponenten.
Meistens reagiert beim Symptom Schwindel – unbewußt –
das ganze »System« Mensch mit Körper, Seele und Geist in und mit seiner
Umgebung. Schwindel-Anfälle können dabei das bisher selbstverständlich
Geglaubte, nie in Frage Gestellte gründlich durcheinanderwirbeln. Wohl
deshalb können sie nicht selten Todes- und Vernichtungsängste hervorrufen.
Der Psychosomatiker Victor von Weizsäcker, der selbst an einer
anfallsartigen Schwindelerkrankung litt, bezeichnete daher den Schwindel
als ein »urkrankhaftes Symptom«.
Nun ist es aber nicht so, daß
beim psychogenen Schwindel absolute Beliebigkeit vorherrscht, sondern
trotz aller Vielfalt lassen sich auch hier systematische Zugänge und
Grundzüge erkennen.
Der seelische Schwindel –
Systematik
So sollen im folgenden Konstellationen geschildert
werden, in denen ein seelischer Schwindel häufiger auftritt und auftreten
kann.
1. Der »offensichtliche Fall«: Sinneseindrücke
widersprechen sich
Wann immer verschiedene Anteile aus dem
Gleichgewichtssystem sich widersprechende Informationen wahrnehmen
und/oder vermitteln, kann Schwindel auftreten. Das ist – meist harmlos –
der Fall beim sogenannten Höhenschwindel: Das Gleichgewichtsorgan
vermittelt Standfestigkeit – die Augen Bodenlosigkeit, dies wird mit
Unsicherheit bewertet und erlebt. Ähnliches gilt für die sogenannte
Reisekrankheit und massiv körperlich für die »Seekrankheit«.
Ein
schon weniger offensichtlicher, häufiger seelischer Schwindelzustand, in
dem diese Komponenten eine entscheidende Rolle spielen, wurde von den
Neurologen Brandt und Dieterich 1986 als »phobischer
Attackenschwankschwindel« bezeichnet. Dieser Schwindel ist charakterisiert
durch die Kombination eines Benommenheitsschwindels mit subjektiver Stand-
und Gangunsicherheit, obwohl die Betroffenen stehen und gehen können.
Einen solchen Schwindel erleiden Patienten typischerweise in
bestimmten sozialen Situationen (Kaufhäuser, Konzerte, Besprechungen) oder
angesichts typischer auslösender Sinnesreize (Brücken, leere Räume,
Straßen). Hinzu kommt in der Situation oft eine zunehmende
Vernichtungsangst.

Bei der Auslösung dieses Schwindels wird eine Fehlabstimmung zwischen
dem Gesehenen und dem Empfundenen durch eine ängstliche Eigen-Beobachtung
vermutet. Dies führt dazu, daß bisher gewohnte aktive Handlungsweisen
(Sicht- und Handlungsmuster) als passive Schein-Beschleunigungen und
Schein-Bewegungen erlebt werden.
Typischerweise fühlen sich die
Betroffenen organisch krank. Sie klagen dabei über den »Schwindel«.
Nicht die – warum auch immer sich eingestellte – ängstliche
Beobachtung hat für sie das Schwindelgeschehen ausgelöst, sondern sie
glauben – verständlicherweise –, daß der Schwindel die schreckliche Angst
ausgelöst habe. Dieses Erscheinungsbild ist sehr häufig.
Das
Verdienst von Brandt und Dieterich besteht darin, den psychogenen
Schwindel qualifiziert in die Diskussion eingebracht zu haben. Bei
genauerem Hinsehen, so der Hinweis von Frau Eckhardt-Henn, lassen sich
viele Erscheinungsformen des phobischen Attackenschwindels mit dem
zentralen Element der Angst auf die nun weiter auszuführenden
Angst-Erkrankungen und depressive Erkrankungen zurückführen, die
typischerweise mit Schwindel einhergehen können.
2. Schwindel
statt unangenehme Gefühle
Nun gehen seelische Erkrankungen,
wenn nicht gar regelhaft, mit Angst einher. Dabei ist Angst an sich ja
nichts schlechtes. So ist es absolut sinnvoll, in tatsächlich gefährlichen
Situationen sein Handeln noch einmal zu überdenken oder sich gar
»instinktiv« auf die Flucht zu begeben (10-m-Turm ohne Wasser).
Das
gleiche gilt auch für die Angst, wenn im seelischen Gefüge Gefahr droht.
Nur kann man hier nicht einfach räumlich weglaufen.
Hinzu kommt,
daß sich Seelisches oft körperlich äußert, ohne daß das eigene Bewußtsein
gleich »wissen« kann, worauf zu achten und was zu ändern ist. In diesem
Rahmen kann der Schwindel statt der Angst in den Vordergrund
beziehungsweise in das Bewußtsein treten. Der Schwindel ist dabei oft das
einzig sichtbare Zeichen einer seelischen Erkrankung. Schwindel kann aber
auch statt etwa für Lust oder Ekel, aber auch für Wut empfunden werden.
Dabei zeigen sich aus der Dynamik der seelischen Vorgänge
(psychodynamisch) einige typische Konflikte und/ oder Grundsituationen in
folgenden Kern-Bereichen:
- Konflikthafte äußere Lebensbelastungen. Besonders nach Trennungen
und Verlusten kann es zum Auftreten von Schwindelphänomenen kommen, ohne
daß der depressive Inhalt dem Patienten bewußt wird
- Fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung
- Abhängigkeitsentwicklungen im Widerspruch mit
Selbständigkeitswünschen. Diese können typischerweise bei der Ablösung
von den Eltern, aber auch von Vertrautem und »Heimatlichem« gesehen
werden. (Dies kann auch die Auseinandersetzung mit dem Chef oder der KV
oder die – meist schwierige – Entscheidung für eine eigene Praxis sein)
- Tatsächliche Unterwerfung im Widerspruch mit dem Wunsch nach
Kontrolle
- Versorgungswünsche im Widerspruch mit Selbständigkeitsbestrebungen
- Selbstwertkonflikte, Gewissens- und Schuldkonflikte
- Sexuelle Konflikte und Identitätskonflikte
3. Schwindel als »Heilungsversuch«
Ist die seelische Not so groß, daß die Möglichkeiten im Ertragen und
Verarbeiten »schwinden«, so können Menschen im Schwindel auch in die
Verarbeitungsformen und die Bedürftigkeit früherer Kindheitsheitsstufen
»zurücksinken«. Als solch ein »regressives« Phänomen kann Schwindel ein
Symptom dafür sein, daß dem Patienten tatsächlich der Grund unter den
Füßen verloren geht. Dabei kann der hartnäckigen Suche nach Hilfe sogar
eine stabilisierende Funktion zukommen. Dies kann gelingen, wenn der
Betroffene sich so intensiv auf den Schwindel und seine Bewältigung, auch
mit Hilfe intensivster Suche nach Ärzten und Heilern, konzentriert, daß es
ihm dadurch möglich wird, ein Abgleiten in eine massive seelische
Erkrankung (Psychose) zu verhindern.
Last not least finden sich
natürlich auch organische Ursachen für einen seelisch erlebten Schwindel.
Dazu gehören alle Formen der geistigen Störung, der Demenz, zum Beispiel
bei Alzheimer-Erkrankung oder anderen Erkrankungen mit Einschränkung des
Denkens und der Gedächtnisleistungen. Es können aber auch Krankheiten
sein, die durch schädigende Substanzen, am häufigsten Alkohol,
hervorgerufen sind.
Der reaktive psychogene Schwindel bei
otologischen Erkrankungen
Kommen wir nun zu psychogenen
Erkrankungen bei otologischen Erkrankungen, die oft reaktiv sind. Der M.
Menière geht typischerweise einher mit organisch bedingtem
Schwindel.
Aber nicht jeder Schwindel bei M. Menière ist ein
innenohrbedingter Schwindel. So können wiederholte
Menière-Schwindelattacken mit zunehmender Dauer der Erkrankung zu einer
zusätzlichen, psychogenen Schwindelkomponente führen.
Die
Patienten schildern dies in etwa wie folgt: man sei taumelig, nicht
standfest, wackelig, aneckend, wirr im Kopf, man hätte ein dröhnendes
Gefühl und oft sehr viel Angst. Ganze Tage seien nun »Menière-Tage«.
Es fehlt aber der für die innenohrbedingte Menière-Attacke
typische Nystagmus. Dies entspricht einem reaktiven, psychogenen
Schwindel-Zustand.
Wie kann es nun bei der an sich »organischen
Schwindelerkrankung« zu dem psychogenen Schwindel kommen? Ein großer Teil
der Entstehung und insbesondere der Aufrechterhaltung der psychogenen
Schwindelproblematik ist durch Mechanismen der klassischen und der
operanten Konditionierung im Sinne der Lerntheorie gut erklärbar.
In seinem klassischen Experiment bewirkte Pawlow bei seinen
Hunden, daß diese auf eine Glocke wie auf einen Futterreiz reagierten.
Ähnliches gilt auch für das Menière-Geschehen.
Zunächst löst nur
das Innenohrgeschehen aus:
- Dreh-Schwindel
- Unsicherheit
- Angst und Panik sowie
- »vielfältige« vegetative Symptome
Bei entsprechender Sensibilität können dann bestimmte Begleitumstände
ebenfalls auslösend für das Erleben eines Schwindels und Angst- und
Panik-Geschehens wirken.
Diese Begleitumstände sind
insbesondere
- die räumliche Situation oder die Konflikt-Situation, in der der
Anfall geschah oder sich wiederholte
- ein in der Lautheit zunehmender Tinnitus, der auch dem organisch
bedingten Anfall vorausging
- eine Kopfbewegung
- die Uhrzeit
- oder ein anderer »Reiz«, der im Verlauf der sogenannten
»Reizgeneralisierung« immer unspezifischer werden kann
Die dabei empfundene Angst selbst wiederum kann wie Schwinden und
Schwindel empfunden werden, was einen dauerhaften Prozeß des
Angst-Schwindels und der Schwindel-Angst einleiten kann. So kann sich
sogar ein von dem organischen Geschehen unabhängiges Krankheitsbild
etablieren und der psychogene Schwindel sich selbst dann verfestigen, wenn
das Gleichgewichtsorgan längst seine Funktion verloren hat. Ungünstig
kommt hinzu, daß zunehmend mehr Elemente immer wieder durch real
innenohrbedingte Drehschwindelattacken verstärkt werden können. Wichtig zu
betonen ist, daß diese Mechanismen unbewußt verlaufen.
Wir
untersuchten zwischen 1994 und 1997 96 Menière-Patienten, die sich
stationär in unsere Behandlung begaben. Bei 57 Patienten (59 Prozent)
fanden sich reaktiv psychogene Schwindelanteile. Diese Patienten litten
mehr, länger und schwerwiegender unter dem psychogenen Schwindel als unter
den – dafür relativ seltenen – innenohrbedingten
Drehschwindelattacken.
Schwindel nach einer
»abgeschlossenen« körperlichen Erkrankung
Der akute
einseitige Gleichgewichtsausfall
Der akute einseitige
Gleichgewichtsausfall ist nun im Gegensatz zum M. Menière ein einmaliges
Ereignis. Dabei kann es aus völligem Wohlbefinden heraus schlagartig zu
einem für mehrere Tage andauernden, heftigen Drehschwindel kommen und die
Betroffenen werden so auch meist als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert.
In der Regel bessern sich die Beschwerden innerhalb von Tagen und
verschwinden meist nach 2–3 Wochen vollständig und dauerhaft, es sei denn
die Schwindelmedikation verhindert die Kompensation.
Was bleiben
kann ist die Angst
Ein Gleichgewichtsausfall kann so
erschütternd und existentiell bedrohlich erlebt werden, daß bisher
vermutete Lebenssicherheiten als schwindend und schwindelnd gefährdet
erlebt werden können. Dies scheint insbesondere bei den Patienten der
Fall, die ihr Leben bisher in sehr geordneten Bahnen und scheinbar ohne
jede Angst organisiert hatten oder sie scheinbar angstfrei herausgefordert
hatten. Wie im Märchen »Von dem, der auszog, das Fürchten zu lernen«,
schienen sie »keine Angst vor gar nichts« gehabt zu haben.
Nun
wurden sie durch die am eigenen Körper erlebte Schwindelattacke so
erschüttert, daß eine nachhaltige Unsicherheit und in Fragestellung des
Gleichgewichts mit nagendem Zweifel als psychogener Schwindel bleiben
kann. Darüber hinaus gibt es Anhaltspunkte für die Vermutung, daß selbst
bei diesem so klaren organischen Schaden psychosomatische Gesichtspunkte
in der Vorphase eine wichtige Rolle spielen können, wozu wir aus unserer
Klinik einige Fallbeispiele geben können. Bei jüngeren Patienten (etwa im
Alter von 18 bis 25) könnte es sich manchmal um eine körperlich erlebte
Heranwachsens-Krise unter dem Druck heftiger und wenig beherrschbarer
Gefühle handeln.
Hinzu kann ebenfalls ein reaktiver psychogener
Schwindelanteil kommen mit ähnlichen Mechanismen und Ergebnissen, wie dies
für den M. Menière beschrieben
wurde.
Diagnostik
Die Grundlage der Diagnostik
ist
- eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte
- und eine gute neurootologische und allgemeinmedizinische
Untersuchung.
Die Krankengeschichte ist bei Schwindelerkrankungen die wichtigste
Grundlage überhaupt. Sie führt in bis zu 90% der Fälle schon zur Diagnose.
Im Idealfall werden dabei körperliche und seelische Momente deutlich.
Leider sprengt ein solch zeitlich aufwendiges Vorgehen meist den
Zeitrahmen in der Praxis. Es ist aber ein Anliegen, dem sich die
Psychosomatik (s.u.) grundsätzlich angenommen hat.
Grob gilt, daß
jeder Dauerschwindel ohne Nachweis einer Gangstörung oder
Hirnnervenbeeinträchtigung am ehesten seelisch zu erklären ist, da nahezu
alle organisch bedingten Schädigungen mit Schwindel meist nach wenigen
Wochen kompensiert werden. Wichtige Ausnahmen sind Hirntumoren oder andere
bleibende Schäden im zentralen Nervensystem. Auch gilt, daß, je
vielfältiger die Beschwerden erlebt und geschildert werden, desto eher ein
psychogener Schwindel vorliegt. Voraussetzung ist, daß auch mit
Frenzel-Brille kein Spontannystagmus festgestellt werden kann. Die
somatische Untersuchung sollte so angelegt sein, daß auch in Frage
stehende seltene Erkrankungen wie eben die eingangs erwähnte Multiple
Sklerose oder auch zentrale Tumoren ausgeschlossen werden können, so daß
eben oft doch ein CT oder eine Kernspintomographie notwendig wird.
Über das Nötige hinaus sollte bei einem Verdacht auf einen
psychogenen Schwindel möglichst jede nicht zwingende Untersuchung
unterbleiben, denn hier gilt: Jede unnötige Untersuchung produziert
unnötig viele fraglich pathologische Befunde.
Nun reicht aber für
die Annahme eines psychogenen Schwindels nicht nur die Abwesenheit des
organischen Befundes, sondern es ist zwingend eine psychologische Diagnose
notwendig, die das Schwindelgeschehen tiefenpsychologisch fundiert oder
aus der Kenntnis der Lerngeschichte stimmig erklären kann. Dazu dient das
sogenannte diagnostische Erstinterview, das in der Regel nicht nur einen
Termin beinhaltet, sondern meist insgesamt 5 probatorische Sitzungen.
Dabei geht es im wesentlichen darum, auch die seelischen Anteile
des Schwindels zusammen mit dem Patienten zu verstehen und danach zu
forschen, was den Schwindel über die mögliche organische Ursache hinaus
aufrecht erhält, verstärkt und/oder ihn weniger werden läßt.
Es
können psychologische Fragebögen eingesetzt werden, wobei es allerdings
keine standardisierten Schwindel-Fragebögen gibt. Hingegen existieren
psychologische Fragebögen für die depressive Komponente oder die
Angstkomponente oder, um sogenannte Kontrollüberzeugungen abzufragen. Was
die Diagnostik schwer macht, ist, daß es moralisch immer noch
weitestgehend »verpönt« ist, seelisch zu erkranken. Anders als bei einem
Stoffwechsel-Leiden, einem selbst durch Fahrlässigkeit zugezogenen
Beinbruch oder bei einer Entzündung wird hier immer gleich die Frage des
»Selbstverschuldens«, des »Simulierens« und des »Anstellens« gestellt.
Hinzu kommt ein objektives Problem des Erkennens: Körperliche
Krankheiten offenbaren sich dem Betroffenen durch Anzeichen von Schmerz,
Fieber, Lähmung oder sichtbare Körperveränderungen. Solche Symptome haben
meist »be-greif-baren« Charakter. Seelische Veränderungen werden dagegen
als ganzheitliche, oft »un-be-greif-liche« Störungen erlebt.
Zudem
hat die Seele nicht die Möglichkeit, sich einfach verständlich in Sprache
oder gar »rational« auszudrücken, sondern bedarf anderer Überbringer der
Botschaft. Dies sind oft körperlich empfundene Beschwerden. So ist es
verständlich, daß gerade beim seelisch bedingten Schwindel die Patienten
oft fest davon überzeugt sind, daß der Schwindel organisch begründet sein
muß.
Seelische Ursachen erscheinen unannehmbar, unglaublich und
anmaßend. So durchlaufen Schwindel-Patienten oft – in ihrer Not – eine
wahre Odyssee von verschiedenen organisch behandelnden Experten, die in
der Regel nur feststellen können, daß auf ihrem Gebiet nichts
festzustellen ist. Aber dennoch sind die Schwindel-Empfindungen sehr real
und vor allem behandlungsbedürftig.
Therapie
Zur
Therapie gehört an erster Stelle eine gute, ent-ängstigende Aufklärung.
Diese sollte möglichst anschaulich, auch mit Schaubildern erfolgen und das
beinhalten, was hier an somatischen Aspekten ausgelassen werden
konnte.
Dabei sollte weniger das »Nicht gefundene« betont werden,
sondern dem Patienten die notwendige Sicherheit vermittelt werden, daß für
die Bewältigung des Schwindels eine gute körperliche Grundlage vorhanden
ist. Ziel muß dabei sein, den Patienten zum Handeln und Üben zu ermutigen,
aber unter Auslassung von als demotivierend empfundener Bemerkungen wie:
»Stellen Sie sich nicht so an«. Dies kann die Angst wesentlich reduzieren
und meistens damit – auch schon – das Schwindelgefühl. Dies gilt auch und
gerade für Schwindelerkrankungen, die einen körperlichen Anteil haben.
So ist es hilfreich, erklärt zu bekommen, warum nach einem ehemals
körperlichen Schaden nun noch ein Restschwindelzustand übrig bleiben kann,
wie etwa bei
- einem Schädel-(Hirn)-Trauma mit Gleichgewichtsausfall
- einem Vestibularis-Ausfall
- oder nach wiederholten Menière-Anfällen
Zu unserem Spezialgebiet, dem M. Menière, haben wir die Patienten
angeleitet, selbst unterscheiden zu lernen, wie sich der psychogene
Schwindel von einem leider jederzeit möglichen innenohrbedingten Schwindel
unterscheidet. Sinnvoll kann dann auch der Kontakt zu den
Selbsthilfeorganisationen werden: Deutsche Tinnitus-Liga e.V., Postfach
349, 42353 Wuppertal, Telefon 02 02 / 24 65 20, und K.I.M.M. Kontakte und
Informationen für M. Menière e.V., Kastanienweg 5, 71404 Korb, Telefon 0
71 51 / 6 41 13, Fax 0 71 51 / 69 05 99.
Sinnvoll und oft notwendig
ist ein allgemeines oder auch spezifisches – körperliches –
Gleichgewichtstraining, daß über das Lernen am Erfolg oder dem Lernen aus
Erfahrung, also klassisch verhaltenstherapeutisch, neue Zuversicht in das
Funktionieren des Gleichgewichtssystems schafft. Zeigt sich der Schwindel
als Ausdruck einer Depression, einer lebensgeschichtlichen Krise oder
anderer überwiegend psychogen zu verstehenden Komponenten, so ist auf
jeden Fall eine Hinzuziehung und in der Regel dann auch eine
Weiterbehandlung durch den Fachmann, das heißt durch den ärztlichen oder
psychologischen Psychotherapeuten sinnvoll oder zwingend. Dabei gilt auch
für psychogene Erkrankungen, daß eine frühzeitige Bearbeitung durchaus
bessere Ergebnisse zeigen kann als eine Bearbeitung eines chronifizierten
Verlaufs. Trotzdem stimmt es auch, daß keine Psychotherapie ohne
entsprechende Motivation des Patienten selbst gelingen kann, und die
stellt sich leider eben oft erst über das Leiden her.
Zusammenfassung
Der psychogene Schwindel ist
häufig und bei guter Diagnostik und basal guter medizinischer Behandlung
meist gut therapierbar. Grundlage der Therapie und ein wichtiger Pfeiler
in der Prophylaxe eines reaktiv psychogenen Schwindels ist ein gutes
medizinisches Counselling. Dieses sollte die Patienten kognitiv und
emotional in ihrer Not, aber auch entlang ihrer – weiterhin bestehenden –
Möglichkeiten erreichen.
Hinsichtlich der psychogenen Komponente
hat schon die Aufklärung über das mögliche Wirkgeschehen angstvermindernde
Effekte. Je nach Indikation ist ein Gleichgewichtstraining und eben auch
eine Psychotherapie indiziert und hilfreich.
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Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Helmut
Schaaf Tinnitus Klinik Dr. Hesse, Bad Arolsen, (ab 1.1.2009)
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