ks: Bergsträßer Anzeiger 21. April 2008 in Bensheim

Dr. Helmut Schaaf sprach im Berufsbildungszentrum über Schwindel und seine Ursachen


Karussell im Kopf:
Wenn sich plötzlich alles dreht .

Schwindel hat viele Ursachen. Das Gleichgewichtsorgan sitzt im Ohr und kann durch eine ganze Reihe von Faktoren gestört werden. Genau genommen gibt es 386 verschiedene Gründe für das Karussell im Kopf. Schwindelgefühle machen gut die Hälfte der Anlässe aus, die Patienten zum Allgemeinmediziner führen.
Die meisten Formen der Gleichgewichtsstörungen sind harmlos und können relativ problemlos behandelt werden.
In schweren Fällen kann sich dahinter jedoch auch ein Tumor verbergen. Deshalb sollten Betroffene der Ursache stets auf den Grund gehen. Ein Tumor als Ursache sei jedoch selten, so Dr. Helmut Schaaf. Der Mediziner hielt am Samstag im Berufsbildungszentrum einen Vortrag über dieses Thema. Er ist seit 1994 leitender Oberarzt in der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Er kam auf Einladung von Klaus Dickerhof, dem Vorsitzenden des örtlichen Tinnitus-Vereins, nach Bensheim. Die zwei häufigsten Ursachen für Schwindel kennt jeder und fast jeder hat wahrscheinlich zumindest einmal selbst darunter gelitten: Alkohol und Blutdruckschwankungen.

Schwindel beim Aufstehen

An dritter Stelle steht der gutartige Lagerungsschwindel, der zum Beispiel beim schnellen Aufstehen kurzzeitig auftreten kann. Bei dieser Teilstörung des Gleichgewichtsorgans haben sich kleine Kalkkristalle aus dem Gleichgewichtssäckchen abgelöst, meistens nach einer Kopfverletzung. Diese Steine landen dann im nahe gelegenen hinteren Bogengang, wo sie nicht hingehören. Bei einem Lagewechsel des Körpers geraten sie in Bewegung, bewirken eine Reizung der Sinneszellen und verursachen so das Schwindelgefühl. Diese Form des Schwindels ist nicht weiter bedenklich und kann ohne Medikamente behoben werden.
Das machte Dr. Schaaf spontan am praktischen Beispiel deutlich, indem er eine betroffene Patientin aus dem Publikum holte und sie kurzerhand auf einen Tisch setzte. Nachdem er herausgefunden hatte, welches der beiden Gleichgewichtsorgane gestört war, legte er sie auf die entsprechende Seite. Nach kurzer Zeit lagerte er sie mit Schwung auf der anderen Seite, so dass die Patientin mit der Nase zum Tisch gewandt landete. Zwei Minuten später durfte sich die Bensheimerin wieder aufrichten. Durch diese Behandlung werden die Steinchen wieder aus dem Bogengang herausgeschleudert und an ihren eigentlichen Platz gebracht. Wiederholt ein Patient diese Prozedur oft genug, kann er sich quasi selbst heilen.

(s.u)

Schwindelpatienten werden mit ihren Beschwerden oft nicht ernst genommen.

Zusammenhänge zwischen Symptomen und Krankheiten nicht gleich erkannt. Dieses Risiko besteht bei Dr. Schaaf nicht. Der Arzt kann sich besonders gut in seine Patienten hineinversetzten, denn er war selbst durch die seltene Erkrankung Morbus Menière von Schwindel und Hörverlust betroffen. Er weiß daher um die Probleme und Sorgen der betroffenen Menschen.

In manchen Fällen können Schwindelgefühle auch durch eine psychische Belastung ausgelöst werden, wie etwa Angst oder Stress. Auch Migräne kann eine Störung des Gleichgewichts bewirken, selbst dann, wenn gleichzeitig keine Kopfschmerzen auftreten.
Aber was auch immer die Ursache der Beschwerden ist, Betroffene können ihre Situation oft selbst verbessern, indem sie zum Beispiel positiv denken und sich von der Erkrankung so wenig wie möglich im Alltag beeinträchtigen lassen.

ks

Anhang:

Der "gutartige" Lagerungsschwindel

ist eine der am häufigsten vorkommenden - und leider auch der am häufigsten fehl- diagnostizierten organischen Schwindelerkrankungen überhaupt. Betroffen sind überwiegend Patienten in der zweiten Lebenshälfte. In spezialisierten Schwindelambulanzen macht er etwa ein Drittel der Diagnosen aus. Er ist in aller Regel besser therapierbar als jeder andere Schwindel, da die Ursache innerhalb weniger Minuten beseitigt werden kann.
Typisch sind kurze Drehschwindelattacken mit spezifischen Augenzitterbewegungen (Nystagmen) nach bestimmten Kopfbewegungen, aber auch beim Bücken oder Hinlegen. Diese halten kaum länger als 30 s anhalten an. Meist vergehen nach der Lageänderung einige Sekunden, bevor der Schwindel einsetzt. Manchen wird dabei übel, einige müssen sogar erbrechen. Zwischen den Attacken kann eine leichte Gangunsicherheit bestehen. Bei dieser Erkrankung haben sich kleine Kalkkristalle (Otolithen) aus dem Gleichgewichtsbläschen spontan oder nach einer Schädelverletzung abgelöst. Diese Kristalle lagern sich dann bevorzugt in den nahegelegenen hinteren Bogengang ab, wo sie nicht hingehören. Bei Lagewechsel geraten sie in Bewegung, bewirken bei Endolymphströmung eine Reizung der Sinneszellen und vermitteln damit eine intensive Drehbewegung. Der "gutartige" Lagerungsschwindel verschwindet in der Regel auch ohne Behandlung nach einigen Wochen bis Monaten, er kann jedoch nach einigen Monaten oder Jahren wiederkehren. Das Spektrum reicht von einer einzelnen kurzen Episode bis zum jahrzehntelangen Leiden. In etwa einem Drittel der Fälle geht dem "gutartigen Lagerungsschwindel" ein Schädelhirntrauma oder ein Ausfall des Gleichgewichtsorgans (Neuritis vestibularis) voraus. (Lempert in Schaaf et al. 1999). Auch bei Menière Patienten finden sich der "gutartige" Lagerungsschwindel bei genauem Hingucken nicht selten als zusätzliche Schwindelkomponente. Diese wird dann bis zur richtigen Diagnose oft (unnötig!) als Teil der Menièreschen Erkrankung verkannt und nicht angemessen behandelt. Die Diagnostik ist schon der Beginn der Therapie. Dabei werden die Betroffenen rasch aus dem Sitzen in die Seitenlage gekippt. Mit der Frenzel-Brille sind dabei die Augenzitterbewegungen sichtbar. Wenn sich so die Diagnose sichern läßt, können 95% der Beschwerden innerhalb von wenigen Wochen beseitigt werden. Dabei werden bei den Betroffenen durch wiederholte Fortsetzung genau dieser Lageänderung die Steinchen wieder aus dem Bogengang "heraus geschleudert" .
Eine sehr gute Übungs - Anleitung hat dazu Th. Lempert





















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5.2008