Die sog. "Blutwäsche" bei Tinnitus und M. Menière

Stellungnahme für Die K.I.M.M.

von Dr. med. Helmut Schaaf ,  Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis: Über internet und email kann keine ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise dienen der Information, sie können keine Behandlungsanleitungen sein. Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder etwa an die Ambulanz der Tinnitus Klinik Dr Hesse, Arolsen

Sehr geehrte Frau v. d. Bussche,
Sie baten mich um eine Stellungnahme zur Sinnhaftigkeit einer Blutwäsche bei M. Menière, wie dies zur Zeit bei "Hörstürzen" in einer Studie untersucht werden soll.
Die Studie geht davon, daß Hörstürze gehäuft bei Menschen auftreten, die zu Gefäßverschlüssen neigen.

Es soll nun in einem einmaligen, ambulant durchzuführenden "Waschgang" das Blut von bestimmten Blutfetten (Cholesterinen, und da den speziellen LDL-Cholesterinen) und Proteinen (insbesondere Fibrinogenen) gereinigt werden, um damit den Hörverlust aufzuheben.

Dies Verfahren wird nun an einer größeren Anzahl von Patienten in mehreren deutschen Kliniken, unter Leitungen der Charité erprobt.

Grundsätzlich stimmt es, daß bestimmte Blutfette und Proteine die Neigung der Blutplättchen, miteinander zu verklumpen, erhöhen können.
Dies kann dann sicherlich auch zu einem Verschluß von kleinen Blutgefäßen führen, was dann zu einer Mangelversorgung in dem entsprechenden Gebiet führen würde. Die LDL-Cholesterine würden zusätzlich noch dafür sorgen, daß die Freisetzung von CO2 aus der Gefäßwand beeinträchtigt wird. Diese führe zu einer mangelnden Weitstellung der Blutgefäße und darüber zu einer Minderversorung.
Das Innenohr wird nur durch ein einziges Blutgefäß, durch eine sogenannte Endarterie, versorgt.
So ist das Innenohr einerseits besonders anfällig, es ist anderseits aber dadurch geschützt, daß dieses Blutgefäß, die Arterie, in seiner Funktion zu den das Gehirn versorgenden Blutgefäßen gehört.
Von daher ist es durchaus einleuchtend, diese Idee aufzugreifen und auch für das Innenohr zu verfolgen.
Nun wird ein Hörsturz definiert als ein plötzlicher, meist einseitiger Innenohr-Hörverlust ohne erkennbare Ursache.
Hinzukommen können in bis zu 30% Ohrgeräusche, Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.
Dabei existieren zahlreiche Theorien zum Hörsturz - Geschehen.
Im wesentlichen lassen sich in zwei Ansätze einteilen:
Die gängigste Erklärung sieht eine Durchblutungsstörung als auslösendes Ereignis. Wahrscheinlich kommt es dabei zu einem kurzfristigen Zusammenbruch der Energieversorgung des Innenohres zu kommen .
Ebenso wahrscheinlich muß es sich dabei um eine VORRÜBERGEHENDE Verminderung der Durchblutung handeln.
So kann eine vorübergehende Durchblutungsstörung zwar der Ausgangspunkt für eine Hörschädigung und einen Tinnitus sein, nicht aber der Grund für das Anhalten und Aufrechterhalten der Schädigung oder des Tinnitus.

Wenn eine Durchblutungsstörung dauerhaft vorläge, müßte das Ohr ertauben.

Dies ist zum Glück nur selten der Fall.

So ist hinsichtlich der Idee einer Blutwäsche kritisch anzumerken, daß beim Hörsturz durchaus ein Durchblutungsphänomen aufgetreten sein könnte, dies aber im Zeitpunkt der Blutwäsche nicht mehr als aufrechterhaltender Faktor wirken kann, sonst müßte eine Ertaubung des hochsensiblen Innenohres eingetreten sein.
Auch haben nicht alle Menschen mit einem Hörsturz erhöhte Cholesterin- und Fibrinogen-Werte, was vor der Blutwäsche und vor allem für die Auswertung der Ergebnisse geklärt werden muß.
Auch stimmt skeptisch, daß im Innenohr noch nie eine Arteriosklerose gefunden wurde, die man dann auch nicht vorbeugend beheben kann.

Von daher ist die jetzige Studie mit großen Fragezeichen zu versehen, wie wohl man deren Ergebnisse selbstverständlich nicht vorweg nehmen kann, sonst wäre ja Forschung grundsätzlich nicht sinnvoll.
Die Entscheidung, ob jemand an dieser Studie teilnimmt, hängt dann wohl davon ab:

· Welche Maßnahmen schon durchgeführt wurden,

· wie lange das Leiden schon anhält und

· ob letztendlich die Not so groß ist, auch einem experimentellen Verfahren teilzunehmen, das ja in sich auch wieder Wirkung und Nebenwirkung hat.

Darüber müßte entsprechend aufgeklärt werden und dann das Risiko gegen den möglichen Nutzen abgewogen werden.

Speziell hinsichtlich des M. Menière scheint mir eine Blutwäsche der rationalen Grundlage zu entbehren, da ja beim M. Menière in erster Linie gar keine Durchblutungskomponente verantwortlich zu sein scheint.

Beim M. Menière handelt es sich - zumindestens nach unseren bisherigen Erkenntnissen - um eine Regulationsstörung der Endolymphflüssigkeit, die in keinster Weise durch eine Durchblutungsstörung bedingt ist, oder gar aufrecht erhalten wird.

Von daher zielen auch alle Verfahren, beim M. Menière eine Verbesserung über die Durchblutung zu fördern, ins Leere.

Unabhängig davon geht trotzdem die Mär von der Durchblutungstheorie noch durch viele Köpfe.

Dies ist wohl auch deswegen so, weil es dazu wenigstens die Idee eines Behandlungsansatzes gibt, was natürlich auch wieder so viel Hoffnung vermitteln kann, daß das Leiden am M. Menière zumindestens kurzfristig über die Hoffnung und Zuversicht kleiner wird. Die Nebenwirkung ist dabei die - leider zu oft - enttäuschte Hoffnung mit alle dem was dies an Kraft und Ressourcen kostet.

So betrachte ich das Verfahren der Blutwäsche beim Hörsturz sehr kritisch, hinsichtlich des M. Menière sehe ich keinerlei vernünftige Begründung für einen solchen Therapieansatz, und erwarte keinen Erfolg über eine Placebo-Wirkung hinaus.


Dr. med. H. Schaaf


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30.6.2003