Helmut Schaaf

"Was machen die Cubaner,
wenn Fidel Castro stirbt?
Sie begraben ihn ganz schnell,
ehe er anfängt zu stinken."

Cuba touristamente

Postkartenmotiv nach einem Foto von Henk van der Leeden

Während sich die deutsche Nationalmannschaft ins Endspiel stolperte, wurde in Cuba über den Sozialismus als Verfassungselement abgestimmt. Beides hätte ein Grund sein können, Cuba nach fast 20 Jahren erneut zu besuchen. Damals war ich noch als frisch engagierter Nicaragua Aktivist, obwohl "undogmatisch" und "basisdemokratisch" orientiert, mit der "Freundschaftsgesellschaft BRD-Cuba" durchs Land gereist. Diesmal war der Anlaß eine Urlaubsreise mit TUI und Familie, die zufällig (und mehr nach den Notwendigkeiten der hessischen Schulferien in Verbindung mit nicht so ganz einfachen Absprachen auf dem Arbeitsplatz) in die beiden obigen Ereignisse fiel.
Mein aktives Nicaragua-Engagement habe ich schon seit Jahren "ruhen" lassen. Auch habe ich die Auseinandersetzung mit Lateinamerika weitestgehend aufgegeben, nachdem ich dies bis 1995 vielleicht zu sehr in den Mittelpunkt meines Denkens und Handelns gerückt hatte. So kam der entscheidende Impuls für den erneuten Cubabesuch von meiner noch 16jährigen Stieftochter. Nach einem längeren Zwischenstopp 1983 auf dem Weg nach Grenada und einem frustranen Versuch, 1985 am Strand von Jibacoa individuell Urlaub zu machen, waren meine Bedürfnisse ausgereizt. Sie wollte aber "mal nach Cuba" und nicht schon wieder nach Langeoog oder in die deutschen Lande.

Mangels anderer allseits akzeptabler Alternativen beschlich mich die Gewißheit, dass Fidel Castro auch nicht ewig lebt und ich nur befürchten kann, was danach kommt. Also habe ich mich hingerissen, wenn, dann jetzt zu fahren. Im weiteren bekam ich zunehmend Lust, das von Havanna wiederzusehen und meiner Familie zu zeigen, was ich noch zu kennen glaubte.
So entschlossen wir uns - auch angesichts des meines nun doch zunehmenden Alters und der berufsbdingten doch eher kurzen Zeit zu einem dreitägigen "Individualaufenthalt in Havanna" mit anschließend organisierten Kurz-Rundreise "durch das Herz Cubas", ehe wir uns in den Hotels in Varadero an einen Strand legen wollten, der - auch uns Politreisenden - damals nicht zugänglich war.
Da wir nun aber doch fahren, nehme ich auch noch vorher Kontakt zu einem chilenischen Freund auf, den ich, tot oder lebendig, in Chile vermutete. Er wohnt aber wieder in Bochum und kennt mich nach über 10 Jahren auch noch. So frischen wir nicht nur alte Erinnerungen auf und sondieren nicht nur die Lage für einen Schulaufenthalt in Valpariso, sondern er gibt uns auch etwas für seine Freunde in Havanna mit. Schon bekommt vieles für mich wieder ein Gesicht von früher, und ich überlege, von wo der Bus nach Miramar in Richtung Ost- Havanna fährt, an dessen Endstation zwei Straßen links die companeros wohnen.
Diesmal packe ich außer einem Reiseführer auch noch schnell "Drei traurige Tiger" von Guillermo Cabrera Infante ein, dessen atemberaubender Großstadtroman das Abend- und Nachtleben Havannas vor der Revolution lebendig werden läßt. Damals hatte ich das Buch noch als "zu unpolitisch" weggelegt, diesmal lese ich es "vor Ort".

Der Reisebus kommt pünktlich!

Dass der Flug in Frankfurt a. M. mit deutlicher Verspätung startete, hat mich weniger gewundert, als dass wir am Flughafen von Varadero freundlich auf deutsch begrüßt und in den wartenden (!) Bus nach Havanna geleitet wurden. Der Zoll verzichtet inzwischen auf die alten DDR Kontrollhäuschen, auch wenn man offensichtlich für diesen Job noch die Grimmigsten des Landes akquiriert, die immer noch umständlich Reisepassnummern eintragen und vergleichen.


Nach einer Fahrt durch heftigen Regen mit überschwemmten Straßen und hunderten durchnäßten Cubanern, die nach dem Wochenendausflug an den Strand zu Fuß, auf dem Fahrrad oder einem Motorroller den Weg nach Hause suchen, erreichen wir Sonntagabend das Hotel "Ambos Mundos" in der Altstadt Havannas. Hier wohnte auch schon mal Ernest Hemingway. Nachher können wir diesen Namen nicht mehr hören, weil er offenbar überall schon einmal getrunken, geschlafen und geraucht hat. So bekommen wir auf ihn das, was wir im Englisch Unterricht über den Geist seiner Romane gelernt haben, nämlich einen "negativ outlook".

Überflüssig zu sagen, dass es heiß ist, die Luftfeuchtigkeit über 90% liegt und es mittags draußen fast ebenso unaushaltbar ist wie in den Innenräumen, die von mega-lauten Klimaanlagen durchdrungen werden und manchen Raum zum Gefrierschrank machen.

"Havanna esta dividida en tres partes"

Havanna ist- zumindest touristisch gesehen- grob in drei große Gebiete aufzuteilen:
    1) Die im Gegensatz zu 1982 massiv restaurierte Altstadt mit einer Einkaufsstraße und vielen Geschäften !, bei denen man sich - ohne Lebensmittelkarte! - auch als Ausländer nicht mehr schämen muß, in US Dollar einzukaufen und wo auch (fast alles) zu bekommen ist.

    2)Das moderne Havanna um das Hotel Nacional und das ehemalige Interconti, seit 1959 "Havanna libre", und die Copelia und vielen inzwischen zwar nicht einstürzenden, aber weitestgehend verlassenen Hochhäusern und

    3) das Elend dazwischen, das noch nicht? oder nie wiederherzustellende ehemalige Prachtbauten zerfallend zeigt, in denen trotzdem Menschen wohnen, die hier, wahrscheinlich illegal, ihr Glück auch in den so greifbar nahen Dollars suchen.

Während sich "unsere Kicker" in Südkorea, von der lateinamerikanischen Presse inzwischen ob ihrer einfallslosen und torarmen "Tugenden" despektierlich als "la mannschaft" bezeichnet, weiterquälen, gehen wir durch Havanna.
Für die meisten Cubaner hätten die Worte "gehen durch Havanna", die Frage "a pie?" (zu Fuß?" reflektorisch nach sich ziehend, schon als Witz ausgereicht. Man wartet lieber, auch lange, auf einen Bus, der, wenn er kommt, für einen fünftel Peso an jede Stelle Havannas fährt, statt in der Hitze zu laufen. Wir aber starten am späten Vormittag von der Altstadt aus in Richtung Modernes Havanna. Bis zum Mittag drücken wir uns noch entlang des von der Hitze menschenleergefegten Malecons in den Schatten der Häuserfront des auch stinkenden Elends, zunehmend im eigenen Schweiß zerfließend .
Mich alter Zeiten erinnernd, sehe ich mehr das Ziel, die berühmteste Eisdiele der Welt, die Copelia ca. drei Kilometer entfernt, als den Weg. Meine Damen werden allerdings zunehmend ungehaltener und wollen lieber durch die sengende Hitze des Malecons als weiter durch diese öffentliche Notanstalt laufen. Wir lechzten, auch ich zunehmend, nach einem sauberen, schattenspendenden Platz mit einem kalten Getränk, lieber mit vielen kalten Getränken.
Die gibt es nach einem Kilometer an der Grenze zum "modernen Havanna" - auch problemlos importierte Cola Getränke gegen Dollar. Jetzt kann auch ich zur Kenntnis nehmen, dass ich als Tourist gekommen bin, was uns ganz offensichtlich jeder ansieht, und dass Havanna und anscheinend auch die anderen von TUI, Neckermann und v.a. kanadischen Organisationen ausgesuchten Orte ihrerseits auf Touristen eingestellt sind.
Was vor 20 Jahren noch vor dem Wegfall der Wirtschaftsbeziehungen zu den Ländern des sog. "Sozialistischen Blockes" als Idee angedacht wurde und für mich 1985 in Jibaco noch so grauenhaft ausgestattet war, daß wir uns im Anschluß ausgerechnet in Nicaragua erst einmal satt gegessen und getrunken haben, hat sich deutlich geändert. Damals waren vor allem politisch aufgeschlossene Besucher gewünscht, die aus politischer Solidarität auch die Versuchungen der Cubaner minimal halten sollten. Das Problem war nur, das diese nicht besonders zahlreich und in der Regel auch nicht besonders zahlungskräftig waren. Inzwischen scheint man ja zum Tourismus in seiner real existierenden Massenform ja gesagt zu haben. Über "joint ventures" mit 51% cubanischen Mehrheitsanteilen wollen sie aber dafür sorgen, daß zumindestens die inhaltliche Präsentation des Landes den Interessen des cubanischen Staates nahekommt, was sowohl TUI wie Neckermann dennoch als profitabel ansehen.
So ist der Tourismus, gleich nach den Dollars der Exilkubaner, zur zweitgrößten Devisenquelle geworden, überwiegend gespeist aus Europa und Kanada. Damit wurde selbst die ehemalige Haupteinnahmequelle Zucker überflügelt und erst recht die Produkte, die Cuba als typisches Agrarland sonst noch hat, nämlich Citrusfrüchte, Mangos und Tabak.
Heute kann man als Tourist das von kolonialem Baustil verschiedener Epochen geprägte mediterane Leben - vornehmlich nach 16 Uhr!!! - zu knapp europäischen Preisen, ab 2003 auch in Euro, genießen. Dazu gehören auch - wie wir später erleben - preiswerte Taxis, mit denen sich Strecken wie die unseren bequem zurücklegen lassen. Dabei hat man die Auswahl, modern und mit Gurt zu fahren oder die weiter gepflegten, nach der US Blockade ab 1962 übrig gebliebenen "Oldtimer" zu genießen.

Sozialismus statt Copelia

Wir aber ziehen - gestärkt durch die Getränke - weiter zu Fuß durch die größte Mittagshitze weiter, immer noch nicht gewahrwerdend, daß die uns ständig einladend zuwinkenden Taxifahrer tatsächlich auch bezahlbar sind. "La mannschaft" hat inzwischen wieder 1: 0 gewonnen und Oliver Kahn erneut viele Gelegenheiten gegeben, zum besten Spieler des Turniers zu werden. "Marea roja" se estrelló contra el "Muro de Berlin" ("Die rote Flut" zerschellt an der "Berliner Mauer") - titelt die Granma metaphorisch. Als wir endlich die Copelia, die lang ersehnte Oase in der senkenden Hitze, erreichen, hat diese nur eine Notbesetzung. No hay!, obwohl heute kein ausgewiesener Ruhetag ist. Grund ist, daß das Parlament tagt - und zwar außerordentlich und da haben alle Staatsangestellten frei, um das Geschehen wenigstens in der live Übertragung am Fernsehen mitverfolgen zu können.

Nun hat das Parlament in Cuba sicher nicht die Bedeutung wie in einer parlamentarischen Demokratie, obwohl Tucholsky auch schon mal den Sozialdemokraten zu bedenken gab, daß sie keineswegs an der Macht, sondern nur an der Regierung sind. Das cubanische Parlament ist eher so etwas wie ein Beratungsorgan im Rahmen einer konstitutionellen Monokratie mit einem noch eingeschränkten Fidel Castro an der Spitze und einem System, das sich sozialistisch nennt. Wichtig wäre schon zu sagen, daß es sich um eine karibische Form des Sozialismus, so es denn einer ist, handelt. Ein Biograph Fidel Castro, Peter G. Bourne, vermutet eher, daß sich der ehemalige Jesuitenschüler eher zu einem Direktor einer großen Jesuitenschule entwickelt hat, was auch nicht weniger anspruchsvoll ist. Dennoch stellt das Parlament die höchste Form der in Cuba gelebten Partizipation dar. Die Organisation des gesellschaftlichen Lebens beginnt auf der Basis - oder im "Block" - mit den CDR (Komitees zur Verteidigung der Revolution). "Frei gewählt" aber ohne politisch zugelassene Alternative werden ihre Abgeordneten entsendet. Diese treffen sich als Abgesandte ihrer Region - mit und für Fidel und seine sicher totalitäre Führungsregie - normalerweise zweimal im Jahr. Der Grund dieses dritten Treffens war die an das Volk ergangene Anfrage, ob sie - sicher auch angesichts des sich steigernden Drucks von außen (Cuba zählt nach W. Bush zur Achse des Bösen) - weiter "sozialistisch" sein und dies in der Verfassung verankert haben wollen. Kundtun sollten sie dies im positiven Fall mit ihrer Unterschrift, die durch die CDR "erbeten" wurden. Nun war die Zustimmung ebenso überwältigend wie vielleicht die Art, die Unterschrift zu erlangen und die Schwierigkeit, öffentlich Nein zu sagen..
Trotzdem erscheint mir der Ausgang bemerkenswert, auch wenn es keine geheime Abstimmung war. So verbinden die Cubaner offenbar mit dem "Sozialismus" und in einfach gemachter Abgrenzung von den ständigen Drohgebärden der USA ein "Wir"- und Nationalgefühl mit einem "amerikanischen Wohlstand", der sich trotz aller Mängel in Lateinamerika sehen läßt. Dazu gehört
    1) ein auch im kleinsten Dorf funktionierendes Schulwesen bis zur neunten Klasse mit vielen Ähnlichkeiten zu dem in der ehemaligen DDR.
    2)· eine Gesundheitsversorgung, die bei allem Naserümpfen um den Standard der Klinikzimmer und eine Dollarmedizin für die Reichen, die aus ganz Amerika nach Havanna kommen, zu einem Durchschnittsalter von 72 Jahren für die Männer und 76 Jahren für die Frauen geführt hat. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit eine der geringsten in Lateinamerika geworden.
    Dazu gehört ein Sozialsystem, bei dem die Frauen mit 55 und die Männer mit 60 Jahren in Pension gehen können und
    das Cuba das Problem von Wohlstandsgesellschaften ermöglicht, nämlich nur noch ein Kind pro Familie zu haben, wo es vorher 4-8 waren.
    3)· eine rationierte und subventionierte Grundversorgung mit Nahrungsmitteln, die - und das ist im amerikanischen Maßstab viel - zu viel zum Sterben ist und das Leben ermöglicht.
    4)· Eigentumswohnungen für alle - bei abbezahlbaren Preisen, die nie mehr als 10% des Einkommens überschreiten dürfen. Dies hat für den Erhalt der Wohnungen Vor- und Nachteile.
    5)· einen legitimierten doppelten Markt, der zwangsläufig das Privateigentum und damit auch dessen politischen Ausdruck fördert.


Diese

"Wahrheiten über den Sozialismus"

wurden von der Granma, eine als Toilettenpapierersatz gern genutzte Zeitung der KP, am 26.6.02 stolz berichtet. Währenddessen gaben die Abgeordneten im Parlament -übertragen " en vivo" im Fernsehen - mit einem Enthusiasmus, der mir persönlich in Cuba wie auf Parteiveranstaltungen in der BRD eher unangenehm erscheint, ihr Votum für den Sozialismus ab, der ebenfalls ganz praktisch ermöglicht hat, daß anfangs des Jahres das Dengue Fieber Cuba nur kurz heimsuchte.
Der Preis für diesen nun der Verfassung verankerten "Sozialismus" ist ein sehr reglementierendes System, in dem sich die Cubaner auf dem Boden der Verfassung "sicher" fühlen können und das den doppelten und sich natürlich beeinflussenden Wirtschaftskreislauf autoritär absichert. Dazu gehören meist verständliche und vermittelbare, aber auch willkürlich erscheinende Bestimmungen und dazu gehören Sicherheitskräfte, die etwa Touristen gegen Begehrlichkeiten absichern. Auf jeden Fall schafft es ein - vorsichtig bezeichnet - dependentes Verhalten, das Grundsicherung einfordert, ohne unbedingt die dafür nötige Aufwendungen zu erkennen. Gleichzeitig fördert es, Mängel zu beklagen und einen materiellen Wohlstand - wie von Dollarhand gezaubert - zu wünschen. Ich unterstelle, daß auch nicht unbedingt klar ist, was das kostet.
So hatten alle die nicht frei, die mit dem Tourismus zu tun hatten.
Das gilt vor allem für die, die sich - soweit das möglich ist - außerhalb des normalen Arbeitslebens gestellt und sich auf die Menschen mit den Dollars spezialisiert haben. Dass fängt an mit den nicht enden wollenden musikalischen Darbietungen , die in ihrer ambivalenten Rezeption wieder sehr schön von Cabrera Infante ab Seite 201 niedergeschrieben wurden. Dies geht weiter über mehr oder weniger originelle Ideen, den Clown oder die Wahrsagerin für die Touristen zu machen bis hin zur Prostitution. Gerade letztere wird oft in den Vordergrund der Reiseberichterstattung gehoben. Sie war auch Gegenstand zweier Artikel in der "Zeit" und der "FAZ", die wir natürlich auch vor unserer Reise zugesteckt bekommen haben. Dabei könnte man sich wundern, mit welcher Fürsorge und Empathie denen in Cuba Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sich entschlossen haben, sich komplett der Dolleranschaffung zu widmen statt die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen. Sie werden unter anderem dafür bemitleidet, dass sie für ihr Geschäft ein Zimmer ohne Fenster haben, obwohl dies in Cuba selbst in Nobelhotels wie den unseren möglich ist. Ganz ausgelassen wird, daß auch hier - ganz kapitalistisch - die Nachfrage das Angebot bestimmt. Nun bestimmen gerade diese Menschen einen Großteil des für den Ausländer wahrnehmbaren Bildes gerade von Havanna. Ob es um eine mehr oder weniger gekonnte und durchsichtige Anmache, eine verständliche Bitte oder ein Dollarabluchsen um jeden Preis geht - sie haben immer Zeit und sind spezialisiert.
Obwohl ich es nach wie vor verabscheue, für eine kurze Zeit irgendwo in der Welt aufzutauchen, um dann einen "authentischen" Bericht über die Situation und die Stimmung im Lande abzugeben, hab ich in Havanna gespürt wie schnell es gehen kann, sehr einseitig ein authentisch anmutendes Bild zu entwickeln. Das man das trotzdem so und so machen kann, haben in den Nicaragua bewegten Zeiten zwei Kölner vorgemacht: So fand der Rechtsprofessor M. Kriele zu Gunsten der von ihn führenden K. Adenauer Stiftung in 14 Tagen in Nicaragua "Das blutende Herz Amerikas", während der Aufklärer und Aufdecker G. Wallraff im "Konkret Verlag" in schon 10 Tagen "Nicaragua von Innen" hochleben läßt. Ich hatte schon nach drei Tagen keine Lust mehr, weiter alleine durch die Straßen zu laufen, um mir nur noch mehr Elend und Unbill erzählen zu lassen und die zahlreich das Stadtbild Althavannas bestimmende Polizeipräsens schätzen zu lernen. So war ich richtig froh, als wir endlich den Kontakt zu dem Bekannten unseres chilenischen Freundes in Havanna aufnehmen konnten. Dieser nach der Revolution geborene Angestellte des Telefonunternehmens Cubas - im joint venture mit Italiens Telefongesellschaft - konnte uns doch vieles sehr anders erzählen. Wahrscheinlich wird bei diesen selbstbewussten "mittelalten" Cubanern, welche die Notwendigkeit des bestehenden ebenso wie die Möglichkeiten der Veränderung kennen, ein großes Stück Zukunft liegen.
Endgültig geändert hat sich mein Erleben, als wir aus Havanna heraus unsere Reise

In das Herz Cubas

antraten.
So zeigt sich anders als in Havanna Cienfuegos als eine gut erhaltene, fast reiche Stadt, zum Glück immer noch mit einem un-vollendetem Atomkraftwerk. Damit ändert sich auch die Art der Dollarbeschaffung: hier wird geklaut und nicht gebettelt.
Mit russischen LKWs erreichen wir den Kern des Hochland, nachdem wir zuvor - im klimatisierten Bus - auf dem langen Weg bis dahin das Agrarland Cuba mit Reis, Tabak, Zucker und Kaffe Pflüge ziehenden Ochsen betrachten konnten. Hier wird hart gearbeitet mit Lebensbedingungen, die - vornehm ausgedrückt - sehr agrarisch bis malerisch sind, außer das ich nicht darin leben wollte. Dabei ist die Arbeit in den Zuckerrohrfeldern so schwer, daß sie trotz höchster Löhne, zwei Monaten bezahlten Urlaub, Anrecht auf ein Auto! und weiterer massiver Vergünstigungen kaum noch jemand machen will. So steht ein Drittel aller Zuckerfabriken still- so gut immerhin geht es dem "Durchschnittscubaner". Für uns als Reisende, die, wie einer der "Drei traurigen Tiger" im Cuba vor der Revolution! ausdrückt, wie die Fische und die Vögel das Land jederzeit wieder verlassen können, ist es hier wunderschön und mir vieles vertraut wie die "Berge" Nicaraguas. Bei El Nicho zeigt sich gar ein bezaubernder Wasserfall, der zum Baden einlädt.

Die Schönheit Cubas pries als erster der "Entdecker" Christopher Kolumbus selbst: Nie zuvor habe ich ein schöneres Land gesehen", schrieb er 1492 in sein Logbuch. Die dazu gehörigen Menschen hatten allen Grund, gemäß des Kinderliedes auszurufen" Oh Schreck, wir sind entdeckt", denn sie wurden allesamt ausgerottet. Alexander von Humboldt, nach dem ein in GEO - Heft 5 2002 schön beschriebener Nationalpark in der Mitte Cubas benannt wurde, hat auch schon das Leben der inzwischen sich durchgesetzten Mestizen der malerisch anmutenden und am besten erhaltene Stadt Trinidad beschrieben, wobei sich an der Piratenmentalität seiner Einwohner nur unwesentlich etwas geändert zu haben scheint. Weniger schön soll die Insel sein, die Honecker als Dank für eine Betonfabrik bekommen hat und die damit eigentlich weiter in deutscher Hand ist - wir haben also doch noch ein bißchen Kolonie. Was sich geändert hat, sind die Überlebensbedingungen. Vielleicht könnten die Cubaner als Agrarland - als eine Insel für sich selbst - überleben. Das würde voraussetzen, daß die Menschen harte Bedingungen akzeptierten und es besser kein Fenster nach außen gäbe. Das aber hat jede cubanische Familie in Form eines Fernsehers mit CNN in Englisch und Spanisch zu Hause. So müssen auch die oben beschriebenen Sozialleistungen mit sich - teilweise auch für die BRD utopisch anmutenden Wünschen - erstmal erwirtschaftet werden, auch damit das auf dem Papier geschriebene nicht immer wieder durch die Realität ausgehöhlt wird. Das schaffen die Cubaner, die scheinbar immer singen und tanzen können, ohne Dollar nicht, zumal ihnen der "real heruntergewirtschaftete sozialistische Block" komplett weggebrochen ist, was um 1992 zu Hungerkrisen geführt hat mit der Folge eines staatlich zugelassenen Massenexodus in Richtung USA. Also bleibt nur der kreative Improvisationsakt ohne Netz und doppelten Boden mit zwei nebeneinander existierenden, natürlich auch konkurrierenden Wirtschaftskreisläufen, von denen der Tourismus eine wichtige Quelle darstellt.
Wenn dabei alle Reisen so gestaltet werden können wie die unsere, könnte es gelingen. Der Ansatz, TUI als Organisator, Devisen einfahren zu lassen und im Inneren über gut geschulte, und in unserem Falle auch selbstbewußte kenntnisreiche cubanische Reiseleiter Inhalte und Sympathien zu vermitteln, könnte wichtige Brücken bauen. Bei uns nahm die Rundreise mit "Juan", einem seit 20 Jahren erfahrenen 39 jährigen Reiseleiter fast schon einen "Schulungscharakter" an. Das hat mich schon sehr an meine Rundreise mit der Freundschaftsgesellschaft BRD - Cuba erinnert. Spannend fand ich über das diskussionswürdige der sicher komplexen Wahrheitsauslegung aber, dass es viele Leistungsträger auf Cuba zu geben scheint und so IHRE Geschichte rezipieren, was zumindest identitätsstiftend ist in einem multikulturellen Land mit gleichermaßen afrikanischen wie europäischen Wurzeln.
Als "la mannschaft" gegen Brasilien ausscheidet - und das zum Glück mit zwei Toren Unterschied, so daß die nicht ausgesprochene Mähr von der ewigen Schuld des bis dahin besten Spielers des Turniers erst gar nicht aufkommen kann, fuhren wir "zum Ablegen" nach Varadero, dem "schönsten Strand der Welt". In unserem "all inclusive Hotel" habe ich eine Weile versucht zu vergessen, dass wir in Cuba sind und mich gleich an´s Erholen gemacht. Riesige, nahe zu die ganze Halbinsel überziehende, Hotels können hier m.E. mit Mallorca, der "Dom Rep." oder anderen Ferienparadiesen mithalten. Trotzdem scheint es zu - mir bisher noch nicht bekannten "All Inclusives" - Unterschiede zu geben: Zum einen fehlt die Bildzeitung, was - nachdem die WM zu Ende ist - kein Nachteil sein muß, andererseits schlägt doch immer wieder die cubanische "Großzügigkeit" durch. Das macht sich bemerkbar in der menschenfreundlichen und zugewandten gelassenen Ruhe des an allen Stellen zumindest doppelt besetzten Personals oder auch an der Aufgabe des Kampfes gegen deutsche Reinheitsvorstellungen.

Nach Fidel Castro: Sozialismus - Tod?

Unschöner erscheint die Perspektive nach Fidel Castro. Auch wenn es ein "runing gag" der Cubaner zu sein scheint, auf diese Frage mit dem Hinweis auf ein schnelles Begräbnis zu antworten (s.o.), so scheinen die politischen Kräfte allein nicht in der Lage zu sein, seine Integrationskraft einzunehmen. So rechnet man, will man nicht die sicher in den Untergang, allerorts zu findenden Parolen "Sozialmus oder Tod" und "Bis zum Sieg - immer!" allzusehr für bare Münze nehmen, mit dem Militär als notwendigem Ordnungfaktor. Die Hoffnung ist dabei eine des Übergangs bis sich die - auch jetzt schon! - anwachsende Privatwirtschaft auch politisch auswirken, auch auf das Militär. Das entspricht dem auch in Deutschland oft zu hörenden Wunsch Politikverdrossener nach einem "aufgeklärten Fürsten", der es schon weise und möglichst selbstlos richten solle. Dazu gehört, daß es - wie wohl - dem Fürsten so gut geht, daß er es nicht nötig hat, eigennützig zu sein. Dass Militärs dafür nur selten taugen, zeigt die Geschichte, auch und gerade die cubanische. General Batista wurde mit Recht von der Revolution gestürzt und deswegen hat auch "die Geschichte" Fidel Castro nach dem militärisch gescheiterten Putsch auf die Moncada Kaserne 1953 "freigesprochen", wie er in seinem berühmt geworden Abschluß Plädoyer vorausgesagt hatte. Der General Arnaldo Ochoa, eine der ehedem potentiellen Nachfolger F. Castros, hat seine Drogenkonnektion nach einem in Cuba aufsehenerregenden Schauprozeß mit dem Leben bezahlt.
Die Alternative ist die von den Exilcubanern erhoffte schnelle Übernahme durch die USA, am besten nach dem Vorbild der DDR. Hier zeigt die Geschichte, daß die Versprechungen und die Wünsche meist sehr im Gegensatz zu den wirklichen Veränderungen standen. Davon können im Mittelamerika sowohl Grenada seit 1984 wie Nicaragua seit 1992 ein trauriges Lied der Arbeitslosigkeit, der wieder massiv angestiegenen Kindersterblichkeit, der Auflösung des flächendeckenden Gesundheitswesens und der Rückkehr der Massenarmut singen.
Bleibt die Hoffnung, daß der Kreativität der Cubaner, mit der sie seit dem Wirtschaftsembargo der USA alte US - Limousinen am laufen halten, auch für diesen sicher - nochmals - sehr schwierigen Wandel nicht die Luft ausgeht, wie mir nach dem täglichen "animierten" Fussballspielen in ungewohnter Umgebung.
Bauen kann das Land dabei auf ein gebildetes Volk und - allen Unkenrufe zum Trotz - einer sich in Privatwirtschaft übenden Mittelschicht, die über die Joint ventures und die Dollarwirtschaft Elemente der freien Wirtschaft üben.
Die Frage "an den Rest der Welt" hat auch schon ein Protagonist Cabrera Infantes auf Seite 52 gestellt, dessen Roman hier abschließend schmackhaft gemacht werden soll:

Was kann das Festland für einen Schiffbrüchigen tun?
Ihm am Ufer entgegenkommen? Eine Rettungsleine zuwerfen? ...
Ihn hinter dem Horizont vergessen?


Dass letzteres unwahrscheinlich wird, dafür zumindest sorgt der Tourismus, die (1) "Havanna" und die Musik. Ich bin jedenfalls froh, durch die Anregung meiner Stieftochter für mich doch noch mal das Kapitel Mittelamerika aufgeschlagen zu haben und habe- gerade im Vergleich zu meinen bewegten Zeiten von 1982 - 1995 jetzt noch mal sehr viel anderes erlebt.

Kontakt: Dr. med. Helmut Schaaf
Email: Hschaaf@tinnitus-klinik.de


Hinweis: Cabrera Infante: Drei Traurige Tiger. Tres triste tigres. Suhrkamp.

Stand 18.7.02


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