Heilen wie im Märchen

von   Dr. med. Helmut Schaaf ,   Email:
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Je unklarer und scheinbar beliebiger die Verhältnisse und Bedingungen des Erwachsen werden sind, um so mehr stellen sich die Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Berechtigung von Ungerechtigkeiten, Widersprüchen und Problemkonstellationen. Scheinbar unabhängig davon wieweit die technische Entwicklung geht und ob wir vielleicht doch noch den Mars erreichen können, oder ob wir uns mit unserem technischen Fortschritt und all seinen Auswirkungen elementar überrollen, scheint es sich im Leben des Menschen doch immer wieder herauszustellen, daß bestimmte Grundkonstellationen und bestimmte Erfordernisse und Hindernisse auf dem Weg zur eigenen Entwicklung vorhanden sind und verarbeitet werden müssen.

Es mag zunächst erstaunen, daß dabei ausgerechnet Märchen, die

a) hauptsächlich für Kinder und

b) doch sehr im Bereich der Phantasie zu suchen sind,
Antworten und Lösungsansätze für diese elementaren Fragen bieten sollen.

Aber allein schon die Tatsache, daß sich Märchen als immer wieder erzählte, erst spät schriftlich festgehaltene Geschichten im Gedächtnis der Menschen gehalten haben und diese offensichtlich immer wieder angesprochen haben, mag als Hinweis dafür dienen, daß diese Geschichten mehr sind als nur schöne Unterhaltung.

Schon Bettelheim hat in seinem Buch: "Kinder brauchen Märchen" darauf hingewiesen, daß Märchen das Leben bereichern, die Phantasie anregen und Kindern helfen können, ihre Verstandeskräfte zu entwickeln und Emotionen zu klären. Er hat gezeigt, daß Märchen wie kaum andere Geschichten für Kinder als auch für Erwachsene geeignet sind, auf Ängste und Sehnsüchte einzugehen, Schwierigkeiten aufzugreifen und zugleich Lösungen für die Probleme bieten können, die alle Persönlichkeitsaspekte einbeziehen.

So bekommt kein Prinz seine Prinzessin ohne Prüfung oder Kampf gegen den Drachen, keiner Prinzessin fällt der Wunschprinz in den Schoß.

Innere Reife im Leben scheint erst nach einer Leidensstrecke erlangt werden zu können und so zeigen Märchen schon und immer wieder das volle menschliche Leben mit allem Dunklen, Bösen, und Leiden, aber auch den dagegen wirkenden lichten, guten und heilenden Kräften.

In den entsprechenden Märchenmotiven wird etwa Rotkäppchen verschlungen.
Bei dieser Grausamkeit bleibt es aber nicht, sondern es folgt, wie bei den meisten Märchenmotiven, auf die Qual oder den Tod die Wiederauferstehung als Symbol für das geglückte Erreichen in der nächsthöheren Reifungsstufe.

Es werden also Qualen der Reifung dargestellt, die zumindestens im Unbewußten Vorstellungen über Bedrohung und Errettung bilden helfen. (s. ausführlich auch: Kleespies: Vom der Sinn der Depressionen).
Im Züricher "KREUZ" Verlag ist nun eine in vielerlei Hinsicht ansehnliche Reihe entstanden, in dem bekannte und teilweise auch sehr unbekannte Märchen auf ihren psychologischen Gehalt hin interpretiert werden.

Sie werden daraufhin untersucht, inwieweit sie auf seelische Grundkonstellationen und Wachstumsprozesse Sinn-gebend antworten können.
Ansprechend im vielfarbigen Cover, verständlich in der Sprache und durchgehend anregend, ermutigend, aber auch herausfordernd werden Fragen berührt, die oft weit über das persönliche Leben hinausgehen und es in größere Zusammenhänge einordnen. Große Worte wie Schicksal, Bestimmung, eigene Wege, die es zu finden gilt, können teilweise näher gebracht werden und werden lebendiger und möglicherweise auch lebbarer.

Mindestens Nachdenklichkeit dürfte das Resultat sein, wenn nicht gar vieles auch für den eigenen Lebensweg an Anstößen und Erkenntnis zu finden sein wird.

In einem der ersten Bücher dieser Reihe behandelt Verena Kast, wie die meisten Autoren ausgewiesene Jungianerin, am Beispiel des Teufels mit den drei goldenen Haaren, wie das Vertrauen in das eigene Schicksal aus allen Gefahren rettet.

Eine Lebenssituation, in der Neid und räuberische Gier vorherrschen, in der die Beziehung zwischen Männlichem und Weiblichem gestört ist, in der die seelischen Quellen vertrocknet sind und der man nur noch darauf bedacht ist, das Alte zu verteidigen, ist die Ausgangslage im Königreich, vom dem das Märchen erzählt.
Diese Situation kann sich sowohl im öffentlichen Leben widerspiegeln, wie aber auch in den einzelnen Menschen. In dieser Situation wird eines Tages ein Glückskind geboren, das Träger der Hoffnung auf Erneuerung und Lebendigkeit ist. Verena Kast verfolgt dieses Märchen und deutet es als ein Schicksal eines besonderen Menschen, aber auch als verheißungsvollen Neuanfang in einem Mann oder in einer Frau, deren bewußte Haltung der des alten Königs entspricht.
Das Glückskind aber ist das bewegende Element, das weiß, daß ihm alles gelingen muß und daß sich letztendlich nicht einmal vor dem Teufel fürchtet und gerade so es selbst und andere aus der Hölle herausbringt.

In dem von Christa Mulack, einer feministischen Theologin aus Hagen, interpretiertem Mädchen ohne Hände wird ein scheinbar wenig märchenhaftes Geschehen interpretiert.
Seine Szenen stellen die oft wenig wahrgenommenen grausamen Verhältnisse vieler Vater-Tochter Beziehungen dar.
Entsprechend radikal und aufrüttelnd sind die Aussagen der Autorin. Sie stellt das Schicksal des Mädchens in patriarchalischen Verhältnissen dar. Damit gibt sie weniger eine psychologische Deutung des Märchens, sondern sieht in ihm ein Spiegelbild grundlegender Gegebenheiten, ein Bild dunkelster Zeiten von psychosozialer Wirklichkeit. Unter welchen Bedingungen sich trotzdem beide Geschlechter vom Geschlechterkrieg befreien können, wird in spannender, manchmal atemberaubender Deutlichkeit entwickelt.

Ebenso um Beziehungen zwischen Mann und Frau geht es in dem Fischer und seiner Frau, einem Märchen das von Hans Jellouschek interpretiert wird.
Zunächst scheint es so, als sei die Frau des Fischers durch ihre unersättliche Ansprüchlichkeit an der wieder einkehrenden Armut der elenden Hütte am Ende der Geschichte allein schuld. Aber Jellouschek gelingt es, die gleich wichtigen Anteile Beider Schritt für Schritt nachvollziehbar und überzeugend herauszuarbeiten und gangbare Wege aus diesem wohl vielen bekannten Dilemma heraus aufzuzeigen.
Der Fischer wird mit seiner introvertierten Wunschlosigkeit konfrontiert, Ilsebil dagegen mit ihrer existentiellen Unzufriedenheit mit sich selber. Angesprochen wird bei diesem Märchen der Mut zur Eigenverantwortlichkeit und die entschiedene Absage an den zu oft gehörten Vorwurf "Du bis schuld", verbunden mit der resignativen Bemerkung, "wenn Du nicht wärst, ginge es mir besser...".

Vom gleichen Autor stammt die Interpretation des russischen Märchens von der Froschprinzessin.
Die zentrale Frage, die hier gestellt wird ist, wie frei wir in der Wahl unserer Partner wirklich sind. So wird in dieser Märcheninterpretation die vielfältige Wechselwirkung einer Beziehung, das "Aufeinander angewiesen Sein", das "Sich festlegen" in Rollen, wie es viele Paare kennen, immer wieder aus neuen Perspektiven geschildert.
Der Held Iwan symbolisiert dabei einen Mann, in dem sich wohl viele Männer wiederfinden können und auch viele Frauen werden ihren Mann dabei wieder erkennen: viel äußerer Schein, massives Auftreten und große Ziele und zugleich innere Verzagtheit und Trauer, Hoffnungslosigkeit und Abhängigkeit von der Kraft und dem Ideenreichtum der Frau.
Tragende Idee der Märcheninterpretation ist dabei der Satz:
"Es gibt eine Verpflichtung sich selbst gegenüber, der man nicht ungestraft entkommt."
Im Märchen wandelt sich der große Iwan nach einer Krise vom Abhängigen in einen Liebenden.

In der Interpretation des Dornröschens beschreibt Angelika Waiblinger, wie sich auch Vaters liebste Tochter zur Frau wandelt. Sie zeigt welchen Weg eine Frau zu gehen hat, um in einer gleichberechtigten, liebenden Ebene einer Partnerschaft leben zu können, und welche Schritte für die Grundlage einer entfalteten und verwirklichten Weiblichkeit notwendig sind.
Grundthema ist die Entwicklung des Fehlenden und die Wiedereingliederung des Ausgestoßenen. Dabei verfolgt Angelika Waiblinger diesen Prozeß auf der ganz persönlichen Ebene, insbesondere der Vater-Tochter-Beziehung. Dabei gewährt sie viele Einblicke in Lebensschicksale von Frauen in ihre Träumen und in ihre innere Auseinandersetzung.
Sie bezieht diese Erfahrung aber immer wieder auf ein Thema unserer Zeit: die Entfaltung und Verwirklichung des Weiblichen, insbesondere der Beziehungsfähigkeit des Menschen. So erscheint Dornröschens Weg als Symbol für die Befreiung aus der väterlichen Übermacht, durch die Erkenntnis gerade auch der dunklen Aspekte des Weiblichen.

Aber auch Männer haben es schwer.
So zeigt Verena Kast in dem Märchen Die Nixe im Teich Gefahren und Chancen erotischer Leidenschaften.
Spannend von der ersten bis zur letzten Seite zieht sich diese Deutung durch das unheimlich erscheinende Märchen, in dem die Nixe den Mann in ihr Reich in den Teich zieht. Die schöne Nixe wird dabei gesehen als Symbol für die Angst vor und die Faszination durch erotisch sexuelle Leidenschaften.
Da sie zum Leben gehört, ist es einerseits schädlich, sich ihr zu verweigern, aber auch gefährlich, ihr einfach nachzugeben. "Versuchungen" aber auch intrapsychische Regulationsfiguren, Vertraute auf diesem teilweise gefährlichen Weg, werden bei der Lektüre dieser Interpretation deutlich.

Ingrid Riedel nimmt sich der Frau Holle und ihrer Goldmarie und Pechmarie an. Folgt man dem Weg der beiden ungleichen Schwestern, erschließen sich zwei Grundeinstellungen zum Leben und die Konsequenzen daraus. "Sich über die Dinge stellen" oder "den Ruf der Dinge hören" ist eine treffende Beschreibung des dabei typischen Verhaltens, das jeder bei sich selber beobachten kann.
Dabei geht es um die alltäglichen Verrichtungen, die mit selbstverständlichem Einsatz und persönlicher Hingabe getan werden wollen. Backofen, Apfelbaum, das Ausschütteln der Betten sind die hierfür bekannten Beispiele des Märchens, deren symbolische Bedeutung weit in den unbewußten Bereich der Seele hineinreichen und mit den Kräften der Welt und der Natur verbinden.

Aus dem tun dessen, was einfach getan werden muß entsteht Gold, Erfahrung und innerer Besitz von Dauer und Wert. Das gegensätzliche Charakterbild der Pechmarie zeichnet die Autorin einfühlsam als Folge einer tragischen Konstellation, die sich zwischen dieser Mutter und ihrer Tochter in der frühen Kindheit eingespielt hat und deren Konsequenzen sich bis weit in das Leben der Tochter hinein auswirken.

Frau Holle schließlich rangiert als Symbol der großen Mutter oder der Göttin, schon alleine dazu ist diese kleine Einführung in die kulturgeschichtliche Forschung lesenswert.


Ebenfalls von Ingrid Riedel stammt die Märcheninterpretation Hans mein Igel.
Sie interpretiert das Märchen unter dem Blickwinkel der Abhängigkeit des Sohnes von väterlichen Ansichten und Gesetzen, die um so größer ist, als das mütterliche Element ein so geringes Gewicht hat wie in diesem Märchen.
Das Märchen zeigt nun, das der innere Wandlungsprozeß eines Jungen, der sein Leben als ein von seiner Familie verwünschter beginnen muß, zu einer Erneuerung führen kann und zu einer Begegnung mit dem Gefühl.
Das Märchen vermittelt die Hoffnung, daß eine Stachelhaut ausgezogen werden kann, noch ehe Hans wirklich weiß, ob die von ihm geliebte Frau ihn in seiner Eigenart annehmen und bestätigen und damit den Heilungsprozeß in seiner Seele weiter fördern wird.

Eine nicht in dieser Reihe erschienenen Interpretation zum gleichen Märchen stammt von Hans-Peter Röhr.
Er vermittelt einfühlsam und allgemeinverständlich viel Wissen um Entstehung, Verlauf und Heilung von Borderline-Störungen.
Deutlich wird anhand der auch so zu interpretierenden Vorlage, warum Menschen in dieser Konstellation häufig in Beziehungen scheitern, ein inneres Chaos erleben und immer wieder für Streit und Unruhe sorgen und dabei nicht selten zu Drogen, Medikamenten und Alkohol greifen und sich gar mitunter selbst verletzen.
Es handelt sich dabei um eins der anschaulichsten Bücher, daß praxisrelevant zu diesem Thema auch Angehörige und Betroffene ansprechen kann.

Das Gleiche gilt für Röhrs Nachfolgewerk "Narzißmus, das innere Gefängnis", ebenfalls bei Walter erschienen, das anhand des Märchens vom Eisenofen die immer häufigeren auftretenden Selbstwertstörungen behandelt.

Auch in dem letzten hier zu besprechenden Buch aus dieser noch viele Bände umfassenden Reihe, Ali Baba und die 40 Räuber, geht es um ein sehr zeitbezogenes Thema, nämlich um die Auseinandersetzung zwischen "dem Raffen und der Gier" und "der Suche nach Sinn und Weisheit".
Dabei wird der räuberische gierige Schatten-Anteil in jedem von uns einerseits und die schwingende, tanzende Verbindung mit den Kräften des Lebens andererseits in ihrer lebensnahen Polarität dargestellt. "Sesam öffne dich" wandelt sich damit zu einer Zauberformel auf einem Weg, der sich dann erschließen kann, wenn die eigene Weisheit, aber auch der eigene räuberische Schatten erkannt und integriert werden kann.

Literaturangabe:

Bruno Bettelheim (1995) Kinder brauchen Märchen, München: DTV 394 S.

Bibliographie:
Verena Kast: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Zürich: Kreuz, 1984, 106 S.,

Christa Mulack: Das Mädchen ohne Hände Zürich: Kreuz, 1995, 128 S.,

Hans Jellouschek:
Vom Fischer und seiner Frau. Zürich: Kreuz, 1996, 128 S.,

Hans Jellouschek:
Die Froschprinzessin. Zürich: Kreuz, 1996,

Angela Waiblinger:
Dornröschen. Zürich: Kreuz, 1998, 157 S.,

Verena Kast:
Die Nixe im Teich. Zürich: Kreuz, 1995, 128 S.,

Ingrid Riedel:
Frau Holle. Zürich: Kreuz, 136 S.,

Ingrid Riedel:
Hans mein Igel. Zürich: Kreuz, 1984, 121 S.,

Hans-Peter Röhr:
Weg aus dem Chaos. Das Hans-Klein-mein-Igel-Syndrom oder die Borderline-Störung verstehen. Zürich, Düsseldorf: Walter, 1996, 165 S.

Hans-Peter Röhr:
Narzißmus. Das innere Gefängnis. Zürich, Düsseldorf: Walter, 1999,

Verena Kast:
Ali Baba und die 40 Räuber. Zürich: Kreuz, 1989, 124 S.,





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30.6.2003