Der Tinnitus zu laut ... die Umwelt zu leise

Schwerhörigkeit und Tinnitus

von   Dr. med. Helmut Schaaf , Oberarzt der
Tinnitus Klinik Dr. Hesse, Bad Arolsen,
        Email: DrHSchaaf@t-online.de   Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis:     Über internet und email   kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder an die Ambulanz des Ohr- und Hörinstitutes Hessen, Arolsen, Grosse Allee 50

Schwerhörigkeit ist oft ein deutlicher Bestandteil des Tinnitusleidens und oft auch deren direkte Ursache.
Meistens liegen dabei Schäden durch Lärm oder Hörsturz vor. In der Regel sind dabei auch innere und äußere Haarzellen betroffen. Dabei können die inneren Haarzellen so beschädigt sein, daß sie zwar nicht angemessen auf einen Schallreiz reagieren können, aber durch die Schädigung die entsprechenden "Reiz"(Ionen)-Kanäle so "aufgerissen" sind, daß dauernd sogenannte Leck-Ströme fließen.
Dieser vielleicht mit einer Art "Kurzschluß" zu vergleichende Nervenimpuls wird als Schalläquivalent, als Tinnitus, vom Großhirn wahrgenommen.

Aber auch die äußeren Haarzellen können dabei ihre Funktion, die der Moderation, verlieren. In einem Denkmodell sieht das so aus, daß bei beschädigten inneren Haarzellen kein angemessener Reiz mehr beim übergeordneten Steuerungszentrum empfangen wird. Dieses treibt dann - natürlich in "Unkenntnis" der meist nicht mehr rückgängig zu machenden Schädigung" - vermehrt die äußeren Haarzellen dazu an, die verminderte oder verloren gegangene Funktion zu erfüllen.

Dadurch wird ihre Aktivität erhöht, ohne daß sich der gewünschte Erfolg einstellen kann - ein krankhafter Regelkreislauf hat begonnen.

Diese übersteigerte Aktivität der äußeren Haarzellen könnte wiederum die noch intakten Anteile der inneren Haarzellen dauernd erregen, so daß diese Nervenimpulse freisetzen, die in der weiteren Hörverarbeitung nur als Schallsignal gedeutet werden können.

Eine weitere Folge kann sein, daß durch die Fehlfunktion der äußeren Haarzellen auf der Innenohr-Ebene der Schutz vor zu lauten Geräuschen verloren geht, weswegen der Tinnitus in diesem Fall zunächst oft mit einer vermehrten Geräuschempfindlichkeit einhergehen kann.
Diese kann durch Training der übergeordneten Bahnen ausgeglichen werden (Habituation).

Schwerhörigkeit führt nun, ob mit oder ohne Tinnitus und/oder Geräuschempfindlichkeit, oft zu Unverständnis und zu sozialer Isolierung.

Man versteht schlechter und kann sich deshalb auch nur schlechter verständlich machen.
Schwerhörigkeit führt auch zu einer verminderten Wahrnehmung, die sich auch auf das Denken auswirken kann, da Sprache und Denkleistung zu großen Teilen verknüpft sind

Eine einseitige Schwerhörigkeit kann zwar meist grob kompensiert werden, führt aber in der Regel zum Verlust des Richtungshörens, das nur beidseitig möglich ist..

Der sich zwar nicht notwendigerweise, aber oft Tinnitus wird bei Schwerhörigen vermehrt wahrgenommen, da die überdeckenden (maskierenden) Außengeräusche fehlen.

Der Tinnitus, der auch bei Schwerhörigen in der Regel 10-15 dB über der Hörschwelle bestimmt wird,
macht bei Schwerhörigkeit bis zu 90% der Hörwirklichkeit auf dem betroffenen Ohr aus. Ein oft einfaches Hörgerät kann durch die Erweiterung der akustischen Wahrnehmung (des Kreises), in der wieder Stimmen, Vogelgezwitscher oder Schneeknirschen vernommen werden kann, dazu beitragen, den gleich laut bestimmbaren Tinnitus auf 10% der Wahrnehmung zu reduzieren.

Deswegen kann bei schwerhörigen Menschen mit Tinnitus-Leiden ein Hörgerät oft Wunder bewirken, nicht nur im Ausgleich des Hörvermögens, sondern auch bei der Tinnitus-Habituation (Gewöhnung).

Es spricht also alles dafür, bei Schwerhörigen, deren Hörverlust den Sprachbereich ergriffen hat, eine Hörgerätversorgung zu besprechen und - wenn möglich - durchzuführen.

Ein Hörgerät entlastet und man muß sich nicht mehr so stark konzentrieren, um etwa Unter-haltungen folgen zu können. Ein eventuell vorhandenes Grundrauschen im Hörgerät fördert die Gewöhnung (Habituation), da es die Hörrinde an ein ständig ankommendes, aber völlig bedeutungsloses Geräusch gewöhnen kann.

Ein Hörgerät sollte angepaßt werden, wenn der Hörabfall bei mindestens zwei Frequenzen zwischen 500 und 3000 Hz über 30 dB liegt oder auch schon, wenn der Hörverlust bei 2000 Hz 30 dB übersteigt.

Sie können dies selbst über einen telefontest grob erkennen, wenn Sie die kostenpflichtige! Nr 0180 532 37 54 wählen.

Als zusätzliche Untersuchung ist eine sogenannte Sprachprüfung erforderlich.

Dabei werden statt der reinen Sinustöne definierte Zahlenreihen und anschließend Reihen ein-silbiger Testwörter über Kopfhörer vorgespielt (Freiburger Sprachtest). Die Lautstärke wird von Testreihe zu Testreihe erhöht. Es wird dann ausgezählt, wieviel Prozent Zahlen bzw. Wörter bei den verschiedenen Verstärkungen verstanden wurden. Liegt das Sprachverständnis bei 65 dB unter 70-80%, so ist eine Hörgerätversorgung sinnvoll.

Die Hörgerätempfehlung kann - auch bei einseitiger Schwerhörigkeit - früher erfolgen, wenn ein störender Tinnitus hinzukommt.

Nun haben viele Bedenken, daß man mit einem Hörgerät "dumm" aussieht.

Dies rührt aus der Zeit, da die Schwerhörigen sich tatsächlich durch ihre Schwerhörigkeit nicht weiter entwickeln konnten, als dies bei Erlernung von ausreichendem Sprachkontakt und "Symbolentwicklung" möglich gewesen wäre.

So sind schwerhörig oder taub geborene Menschen keineswegs weniger intelligent, wenn sie eine rechtzeitige Förderung bekommen, etwa durch ausreichende Versorgung mit Hörimplantaten und/oder Erlernung der Gebärdensprache.

Dumm ist aber, nichts gegen die Schwerhörigkeit zu tun!

Und schöner Schwerhörige werden durch Hörgeräte auch: es entfällt das oft sehr konzentrierte Zuhören, das so manche Falte und so vieles Stirnrunzeln nach sich zieht.

Aber auch ein Hörgerät ist keine Wunderwaffe: Es muß individuell und kompetent angepaßt und der Gebrauch und Umgang damit geübt werden.

Dies kann schon einmal einige Wochen Gewöhnung unter Anleitung des Akustikers und des Arztes oder - wenn nötig auch stationär - ein spezielles Hör- und Geräuschtraining in Anspruch nehmen.

Aber: es lohnt sich!

Und - wenn der Hörverlust beidseitig besteht, ist auch eine beidseitige Hörgerätversorgung sinnvoll, damit nicht ein Ohr einfach noch mehr abschaltet.

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1.10.2009