Dr. H. Schaaf: Psychosomatik rund ums Ohr: Tinnitus, Gleichgewicht & Schwindel

Hören : Grundlagen zum Verständnis

von   Dr. med. Helmut Schaaf , Oberarzt der Tinnitus Klinik Dr. Hesse, Bad Arolsen,
      34454 Bad Arolsen
Email: DrHSchaaf@t-online.de   Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis:
Über internet und email kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen.
Auch die zu folgenden Hinweise dienen der Information, sie können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder an die Ambulanz des Ohr- und Hörinstitutes Hessen, Arolsen, Grosse Allee 50

 

Hören - ein hochkomplexer Vorgang mit phantastischen Täuschungsmöglichkeiten.
Anatomische und physiologische Grundlagen des Tinnitus - Leidens

Auf kaum mehr Raum als einer Fingerkuppe sorgt ein kleines Organ im Innenohr für Phantastisches: Die Aufnahme von Geräuschen, Lauten und Sprache und deren Umwandlung von mechanischer Energie in elektrische, in Nervenimpulse.
Dabei besitzt das Gehör von allen Sinnesorganen die höchste (Absolut-) Empfindlichkeit:
Der Unterschied zwischen dem kleinsten noch hörbaren und dem lautesten noch erträglichen Ton liegt bei einem Faktor von 10 Millionen Einheiten Schalldruck.
Bei soviel Vermögen liegen Unvermögen und Fehlermöglichkeiten nicht fern, eine davon ist das Phänomen Tinnitus.
Dieses ist - zumindest ansatzweise - erklärbar mit dem Verständnis des "normalen Hörvorgangs". Deswegen soll im folgenden vom Aufbau und Funktionieren des Hörorganes die Rede sein.

Trotz gegenteiliger Bemühungen sind die Zusammenhänge nicht so einfach und vielleicht auch nicht so spannend wie die praktischen Fragen und Sachverhalte.

Was Sie - zusammengefaßt als Eindruck - wissen sollten, ist, daß Hören, und auch Tinnitus, nicht wie etwa ein elektrischer Signalempfänger funktioniert, sondern ein ein aktiver, hoch komplex gesteuerter und letztlich individueller Vorgang ist.

 

Vom Schall zum Nervenimpuls

Hören heißt vor allem Schallsignale aufnehmen und verarbeiten.
Dabei passieren Schalleindrücke das äußere Ohr bis zum Trommelfell.
Die Bewegung des Trommelfells wird über die kleinen Gehörknöchelchen (Hammer, Amboß, Steigbügel), die die Schwingungen 18-22-fach druckverstärken, bis an das Innenohr übertragen.
(Wo sich Fische und Reptilien treffen. Wie kommen Hammer, Amboss und Steigbügel in unser Ohr?)

Im Mittelohr werden die Druckimpulse als Schallwelle an die flüssigkeitsgefüllten Gehörschläuchelchen weitergegeben.
Dies geschieht je nach Schallqualität unterschiedlich. Schwingungen mit hoher Frequenz haben ihr Maximum nahe dem Steigbügel, solche mit niedriger Frequenz am Ende des Gehörgangs in der Nähe des "Schneckenlochs".
Dadurch wird jede Frequenz je nach ihrem Amplitudenmaximum an einem anderen Ort der nach ihrer äußeren Form benannten Schnecke abgebildet.

In der Schnecke (Cochlea) sind auf engstem Raum drei mit Lymphflüssigkeit gefüllte Schläuchelchen aufgerollt.
Dadurch wird der eigentliche Gehörgang (Ductus cochlearis) von zwei flüssigkeitsgefüllten Etagen, der sogenannten Scala tympani (Paukentreppe) und der Scala vestibuli (Vorhoftreppe) umgeben, eine unerläßliche Voraussetzung für den Hörvorgang.
Die im Gehörgang angesammelte Flüssigkeit wird Endolymphe (die Flüssigkeit im Gehörgang = endo), die Flüssigkeit in der Vorhof- und Paukentreppe Perilymphe (die Flüssigkeit um den Gehörgang herum = peri) genannt.

Das eigentliche Sinnesorgan, das nach seinem Erstbeschreiber genannte "Cortische Organ" mit seinen ca. 15.000 Sinneszellen, (12.000 äußere und 3000 innere Haarzellen), sitzt auf einer Membran des Gehörganges, der Basilarmembran.

Wanderwelle

 

Für ganz Neugierige: Die Umwandlung von mechanischer Energie in einen elektrischen Impuls

Das Hören, die Schallanalyse, wird nach dem heutigen Wissensstand folgendermaßen erklärt:
Durch Volumenverschiebung der Perilymphe wird die Basilarmembran zusammen mit dem gesamten Gehörgang zunächst an umschriebener Stelle aus der Ruhelage ausgelenkt.
Die dabei entstandene Ausbuchtung der Basilarmembran pflanzt sich nun in Form einer Wanderwelle in Richtung des Ortes fort, wo sich der "innere" und der "äußere" Gang der Perilymphe (Paukentreppe und Vorhoftreppe) am "Schneckenloch" treffen.
Die Wanderwelle verhält sich aber nicht wie ein einfach aufgespanntes Seil, das hin und her schwingt, sondern bekommt besondere Eigenschaften, unter anderem, weil die Basilarmembran zunehmend breiter wird, während der knöcherne Kanal sich zunehmend verengt. So wächst die Größe dieser Wanderwelle im Fortschreiten bis zu einer gewissen Stelle mit maximaler Auslenkung und bricht dann rasch zusammen, ähnlich wie bei einer Welle, die am flachen Strand aufläuft.
So ist eine räumliche Trennung nach Frequenzen erklärlich. Schwingungen mit hoher Frequenz haben ihr Maximum nahe dem Steigbügel, solche mit niedriger Frequenz in der Nähe des "Schneckenlochs".
Dadurch wird jede Frequenz je nach ihrem Amplitudenmaximum an einem anderen Ort der Basilarmembran abgebildet.

 

Basilarmembran in Ruhe und nach Auslenkung

Die Umwandlung von mechanischer Energie - angefangen von der Druckaufnahme im Außenohr weitergeleitet bis zu den Perilymphschläuchelchen - zu einem elektrischen Nervenimuls geschieht durch Auslenkung der Basilarmembran und Verschiebung der sogenannten "Deckmembran".
Damit kommen an den Sinneszellen für das Hören, den "Haarzellen" Scherkräfte zur Wirkung, die die Sinneshaare verschieben, und es kommt zu einer veränderten Motilität der Sinneshärchen.
Dies ist der Reiz, auf den ein elektrischer Impuls in Richtung Hörzentrum im Gehirn geschickt wird. Wie auf der Abbildung oben zu sehen, weist das Cortische Organ zwei Arten von Haarzellen auf: die inneren und die äußeren Haarzellen.
Dabei sind die inneren Haarzellen für den eigentlichen Hörvorgang verantwortlich, während die äußeren eine moderierende Funktion haben.
Sie können bei sehr schwachen Schallreizen die Auslenkung der Basilarmembran verstärken oder bei sehr starken Reizen die Auslenkung abschwächen.



Die Hörverarbeitung: Individuell bis in die Haarzellspitzen

Schon auf sehr frühen Ebenen wird Einfluß auf die Hörverarbeitung genommen.
So sorgen im Mittelohr kleineste Muskeln, die an den Gehörknöchelchen ansetzen, für eine Moderation der Schallübertragung. Sie dämpfen(!) - nach einer direkten Rückkopplung zwischen Stammhirn und den Steigbügelmüskelchen - die Schwingungen, die durch die Übertragung von der Luft- zur Knochenleitung entstanden sind. Dadurch verhindern sie ein längeres Nachschwingen, das für die Schallübertragung nachteilig wäre. Bei Veränderungen im Mittelohr, etwa einer Entzündung oder Otosklerose (Verkalkung der Mittelohrknöchelchen) kann sich ein Klirren, eine Tinnitusform des erkrankten Mittelohres, bemerkbar machen.
Dieser und die weiteren Regulationsvorgänge der Hörverarbeitung sind aktive und sehr individuelle Prozesse.
Spätestens ab dem Innenohr werden diese Regulationsvorgänge durch Einflüsse aus dem hörverarbeitenden Teil des Großhirns, aber auch dem vegetativen System und limbischen System, die verantwortlich für die Gefühlswelt sind, beeinflußt.

So wird aus einer Außenwelt, die über objektiv messbare Schallimpulse "in uns" dringt, eine höchst eigene Wirklichkeit.
Diese entsteht keineswegs nur durch Weglassen und Filterung, sondern ganz aktiv schon in der Schnecke, etwa durch Aktivitäten der äußeren Haarzellen. Diese empfangen ihre Impulse aus Knotenpunkten des hörverarbeitenden Systems, womit die äußeren Haarzellen nicht nur - je nach (objektiver) Lautstärke dämpfen oder verstärken, sondern vermutlich auch je nach (subjektiven) Gefühlen, z.B. Angst oder Freude, Liebe und Haß etc, Höreindrücke verändern. Dabei ist die Effektivität der äußeren Haarzellen so groß, daß der von ihnen neu erzeugte Schall bis zur Außenwelt vordringen kann.
Dieser kann neuerdings mit hochempfindlichen Meßmikrophonen als sogenannte "Otoakustische Emissionen", etwa für diagnostische Zwecke in sich immer verfeinernden Formen, gemessen werden. Interessant und für das räumliche Hören unerläßlich ist, daß größere Teile der von der Schnecke zum Zentralnervensystem ziehenden Nervenleitungen schon sehr früh, ab dem zweiten Nervenknoten, auf die andere Hör- und Hirnseite kreuzen. So ist jeder Impuls aus der Schnecke mit dem Hörzentrum verbunden.

Die beiden Hörzentren sind untereinander und mit vielen anderen Zentren eng verbunden, so auch mit dem Limbischen System, das - gefühlsmäßig - die von außen eindringenden Informationen bewertet.
Zahlreiche fördernde, aber auch hemmende Einflüsse kommen in der zentralen Hörwahrnehmung zur Geltung, so daß auch noch so objektive Nervenimpulse je nach Aufmerksamkeit und Stimmungslage anders wahrgenommen werden. Dies kann für die Bewältigung des Tinnitus nutzbar gemacht werden.



Zum Weiterlesen:
Das wohltemperierte Gehirn






Zum Weiter-Hören
Die Entwicklung des Hörens - Ein anhörenswertes feature des HR





Shubin, Neil: Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers.
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. 288 S. S. Fischer Verlag

Natürlich kann für Seiten (oder deren links), zu denen von hier "links" führen, keine Garantie oder Gewähr übernommen werden.


home

9.8. 2008