Fragen und (kurze) Antworten zu M. Menière

von   Dr. med. Helmut Schaaf , Oberarzt der Tinnitus Klinik Dr. Hesse, Bad Arolsen,
    Email: DrHSchaaf@t-online.de   Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis:     Über internet und email   kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder an die Ambulanz des Ohr- und Hörinstitutes Hessen, Arolsen, Grosse Allee 50

Was ist die Menière-Krankheit?

Die Menière-Krankheit betrifft das Innenohr und wirkt sich auf den Gleichgewichts- und Höranteil aus. Bei den Betroffenen liegt ein sog. endolymphatischer Hydrops vor.
Dieser wird als Folge eines Mißverhältnisses von Produktion und Abtransport der Flüssigkeit in den Innenohrschläuchelchen gedeutet.
Dadurch kann es zu Störungen im Gleichgewichts- und zu Ausfällen im Hörorgan kommen.
Diese äußern sich in dem typischen, unvorhersehbaren, attackenweisen Schwindel sowie in chronischem Hörverlust und Ohrgeräuschen.
Bei lang andauernder Erkrankung kann sich aus der Angst bei und vor dem Schwindel auch ein "Schwindel der Seele" entwickeln.

Was verursacht die Menière-Krankheit?

Für den endolymphatischen Hydrops wird eine verminderte Abtransport- (Resorptions-) Leistung im Saccus endolymphaticus verantwortlich gemacht. Zur Zeit werden Hinweise diskutiert, daß der endolymphatische Sack mit Immunabwehraufgaben, für die er wohl auch verantwortlich ist, überfordert sein könnte, so daß er diese Doppelaufgabe nicht ausreichend übernehmen kann. Der endolymphatische Sack könnte aber auch z. B. infolge abgelaufener Infekte geschädigt sein. Hier kommen sowohl abgelaufene Mumpsinfektionen, eine Mittelohrentzündung, eine Entzündung des Labyrinths durch Bakterien oder eine Virusinfektion in Betracht. Auch Traumen können zum endolymphatischen Hydrops führen. Dies wird im Einzelfall aber nur sehr schwer nachzuweisen sein. Noch schwerer wird es sein, dies etwa als Versicherungsfall anerkannt zu bekommen. Meist gibt es aber keine zu findende Ursache, die bleibt idiopathisch (erklärt sich aus sich selbst bzw. eben nicht).

Wie häufig ist die Menière-Krankheit?

Die Häufigkeit der Menièreschen Erkrankung wird in Industrienationen um 1:1000 (0,1%) geschätzt. Ebenfalls geschätzt wird, daß pro Jahr in Deutschland 3200-9000 Neuerkrankungen auftreten. Genaue Angaben für die Bundesrepublik gibt es nicht. In Ländern mit staatlichem Gesundheitswesen wie England und Schweden liegen Zahlen vor: So wird das Vorkommen in Großbritannien auf 1/1000, in Schweden auf 1/2174 geschätzt (Pfaltz u. Thomsen in Pfaltz 1986, S. 2f). Die Menière-Krankheit tritt gehäuft im 3. und 4. Lebensjahrzehnt auf und betrifft nur ganz selten Kinder (Morgenstern et al. 1983).

Müssen alle 3 Kriterien erfüllt sein, damit die Diagnose des Morbus Menière feststeht?

Ja, allerdings sind im Anfangsstadium manchmal noch nicht alle 3 Symptome (Schwindel, Hörverlust, Ohrensausen) komplett, das ändert sich aber meistens innerhalb eines Jahres. Immer ist aber eine genaue Abklärung von anderen Krankheiten mit ähnlichen Symptomen wichtig, da ggf. ganz unterschiedliche Therapien eingeleitet werden müssen. Auch ist vor einer voreiligen Einstufung insbesondere der rein auf den Hörteil begrenzten Endolymphschwankungen zu warnen, da sonst aus Angst ein sicher unnötiger psychogener Schwindel hinzukommen kann.

Kann die Menière-Krankheit auch beidseitig vorkommen?

Leider ja. Von einem beidseitigen M. Menière wird aber erst gesprochen, wenn alle 3 Symptome: Hörverlust, Ohrgeräusche und innenohrbedingter (!) Schwindel (nicht ein zusätzlicher "Schwindel der Seele") auch auf der anderen Seite festzustellen sind. Vor allem die Ohrgeräusche treten sehr häufig beidseitig auf, ohne daß sich daraus ein neues Schwindelzentrum entwickeln muß.

Gibt es eine Heilung für die Menière-Krankheit?

Es ist bis jetzt keine Heilung bekannt, was schon daraus folgt, daß keine genaue Ursache bekannt ist. Leider ist bis jetzt nur klar, wie sich die Krankheit auf das Innenohr auswirkt. Die Medizin kann aber effektive symptomatische Maßnahmen anbieten. Vor allem für die akuten, heftigen Schwindelattacken ist eine sichere Symptombekämpfung bekannt, die auch ohne ärztliche Anwesenheit möglich ist. Heilung wird nur von Außenseitermethoden und Heilslehren propagiert, die allerdings für diese Versprechen keine nachprüfbaren Belege erbracht haben.

Wie wird die Menière-Krankheit behandelt?

Der M. Menière sollte in seinen körperlichen und seelischen Aspekten professionell behandelt werden.
Wenn sich die Menière-Krankheit in ihrer ernsthafteren Form einstellt, zieht dies Maßnahmen weit über die rein medikamentöse Akuttherapie hinaus nach sich. Wichtig und möglicherweise lebensrettend ist dabei, ein Konzept erlebbar werden zu lassen, das ohne falsche Versprechungen auch bei möglichen Schädigungen im Gleichgewichts- und Hörbereich weiter Gestaltungsmöglichkeiten erkennen läßt.

Dazu ist eine verständliche, nachempfindbare, erst einmal medizinische Aufklärung über das Krankheitsbild u. a. hinsichtlich des Wesens des Krankheitsbildes als auch hinsichtlich des Umgangs mit den daraus erwachsenden möglichen Problemen wie Schwindel und Unsicherheit unerläßlich.

Ungemein wichtig ist dabei zu klären, ob es sich bei den "Schwindelanfällen" um Attacken aus dem Innenohr oder etwa um begleitende oder reaktive seelische Schwindelformen und/ oder depressive Krisen handelt, die sich im Erleben ähnlich oder gleich anfühlen können. Hier ergeben sich zwei sehr unterscheidende Therapie- und Bewältigungsansätze.

Eine psychische Bearbeitung der durch die Krankheit geänderten Lebenssituation ist spätestens dann nötig, wenn die Krankheit in ihrem organischen und auch psychischen Anteil zu reaktiven Veränderungen wie Depressionen, Angstzuständen, ggf. in Begleitung von Schlafstörungen, Leistungs- und Konzentrationsminderung bis hin zu Berufsunfähigkeit und Suizidtendenzen führt.

Eine wichtige Rolle nimmt das Gleichgewichtstraining ein, das die empfindliche Gleichgewichtssituation kompensieren und aufbauen kann. Dieses sollte aus sehr spezifischen wie auch aus allgemeinen Übungseinheiten bestehen, die zur Körperwahrnehmung und Schulung insbesondere der Körpereigenfühler und der Augen beitragen. Empfehlenswert sind auch systematische bewegungstherapeutische Verfahren wie Feldenkrais und Tai Chi.

Hörgerätekönnen bei Schwerhörigkeit entscheidend helfen, ein Cochela implant bei Taubheit.

Wenn aber der Schwindel das Leben bestimmt (nach Morgenstern 1994 a mindestens 2 Schwindelanfälle pro Woche), sollten nicht rückgängig zu machende Maßnahmen erwogen werden. Nach dem aktuellen Stand scheint dabei die Innenohrausschaltung mit Gentamycin die sinnvollste Maßnahme zu sein .

Die Notwendigkeit einer stationären psychosomatischen Behandlung ergibt sich, wenn die ambulanten Möglichkeiten überschritten sind. Im stationären Behandlungsraum kann eine medizinische und psychologische und bewegungstherapeutisch abgestimmte und ineinandergreifende Therapie den Einstieg für eine langfristig angelegte und grundsätzliche Stabilisierung ermöglichen.

Gibt es Einflüsse von Streß oder Emotionen auf die Menière-Krankheit?

Eine Mitbeteiligung von Streß und Emotionen wird zumindest als Auslöser angegeben. So sollte die psychologische Unterstützung ein wichtiger Bestandteil des medizinischen Vorgehens sein. Diese kann sich allerdings nicht auf die Erteilung guter Ratschläge wie "Kopf hoch" beschränken, sondern muß auch reale Hilfestellung, vom angeleiteten Entspannungsverfahren bis zu professionieller psychotherapeutischer Hilfe, beinhalten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migräne und Menière-Krankheit?

Beide Krankheiten werden oft gleichzeitig oder bei denselben Patienten zu verschiedenen Zeiten beobachtet.Auch erscheinen die Symptome ähnlich, aber jeweils anderer Ursache (Migräne:zentral - Meniere: peripher) Wichtig ist aber, beide unterscheiden zu können, da eine Migräne anders, ggf. medikamentös prophylaktisch behandelt werden kann. (Abgrenzung der Migräne vom M. Meniere)

Dürfen Menière-Patienten noch Auto fahren?

Da Menière-Anfälle meist plötzlich kommen, sollte man im eigenen Interesse vom Führen eines Kraftfahrzeugs ablassen.

Diese schwere Konsequenz kann bei den oft mehr als unzureichenden Angeboten des öffentlichen Nahverkehrs, v. a. auf dem Land, eine echte Behinderung bedeuten. Lediglich bei Menschen, die ihren Anfall vorher bemerken, ist ein Nachdenken über diese Frage vertretbar. Es sollte immer bedacht werden, daß nicht nur die eigene Person, sondern auch andere extrem gefährdet werden.

Nach einer definitiven Ausschaltung der schwindelerregenden Seite, wie nach der Gentamycintherapie und der Neurektomie, kann neu überlegt werden. Wenn Schwindelfreiheit über längere Zeit und gleichzeitig eine ausreichende Kompensation der Ausfallerscheinungen eingetreten sind, dürfte bei einseitigen Krankheitsformen eigentlich tagsüber das Führen eines Fahrzeuges wieder möglich sein. Dies ist aber sicher eine Einzelfallentscheidung unter fachärztlicher Beratung.

Ist die Menière-Krankheit vererbbar?

Inzwischen lassen einige Untersuchungen vermuten, daß eine gewisse Anlage oder "Bereitschaft" zur Menièreschen Erkrankung in Teilen auch vererbbar sein könnte (Arweiler, Jahnke 1995, Martini 1982,) m.E. reicht dies aber nicht aus, um zu verallgemeinerbaren Schlüssen zu kommen. Auch scheint generell zu gelten, daß die Wahrscheinlichkeit, an einer bestimmten Krankheit zu erkranken, eher vererbt als erworben ist. Aber die Schwere der Erkrankung und ihren Auswirkungen und die Chance, die Krankheit tatsächlich zu bekommen, hängen wohl deutlich mehr von den erworbenen Möglichkeiten und Bewältigungsstrategien ab. So ist es sicher wichtiger, ein lebbares Konzept zu entwickeln, als den - möglichen - Erbschaden zu beklagen.

Hat die Menière-Krankheit Einfluß auf die Schwangerschaft?

Es gibt Frauen, bei denen sich während der Schwangerschaft die Symptomatik bessert, und andere, bei denen sich gar nichts ändert. Vorsichtig sein muß die Schwangere auf jeden Fall mit jeder Art von Dauermedikation, wobei die Beipackzettel in der Regel wenig weiterhelfen. Dies gilt auch für die Notfallmedikamente beim Schwindelanfall. Wenn auch einmalige Gaben sicher eine weit geringere Gefahr darstellen als Dauereinnahmen, gibt es für kein Medikament eine absolute Sicherheit. Es scheint aber die Einnahme von Diazepam, das schon sehr lange im Handel ist und von dem offensichtlich keine schweren Nebenwirkungen bekannt sind, bei der Anfallsbekämpfung der Menière-Attacken am wenigsten bedenklich .

Nutzen Hörgeräte etwas bei Menière-Krankheit?

Schwerhörigkeit, oft ein deutlicher Bestandteil der Menière-Erkrankung, kann zu akustischer und sozialer Isolierung führen. So sind auch bei Menière-Patienten Hörgeräte zur symptomatischen Hilfe bei Hörminderungen unerläßlich. Allerdings verschiebt sich bei Menière-Kranken öfters die Hörschwelle, und so muß das Hörgerät von Zeit zu Zeit nachreguliert werden. Dies sollte Betroffene aber nicht davon abhalten, zu dieser wichtigen Kommunikationshilfe zu greifen, wenn das Hörvermögen - auch einseitig - entsprechend eingeschränkt ist. Bei einseitiger Taubheit kann ein sog. CROS-Gerät das Richtungshören verbessern.

Bewegungsabhängig - Plötzlich und Heftig - aber kurz anhaltend...Ist dies auch M. Meniere?

Der sog. gutartige Lagerungsschwindel bei Menschen mit M. Menière

Kann sich M. Menière aufs Herz auswirken ?

Ganz grundsätzlich muß man sagen, dass sich ein M. Menière nicht direkt aufs Herz auswirken kann.
Dies liegt, wenn man die Definition eines M. Menière ernst nehmen möchte, daran, dass der M. Menière eine reine Innenohrerkrankung ist die von dort aus eben die Symptome Schwindel, Hörverlust und Tinnitus macht bzw. machen kann. Natürlich hat all dies Auswirkungen auf den ganzen Menschen, teilweise sicherlich auch über Nervenknotenpunkte und Areale auch im Gehirn, wobei insbesondere der N. vagus immer sehr schnell über das Brechzentrum angesprochen wird.
Es ist aber sicherlich keine direkte, sondern eine indirekte Verknüpfung.
Dies macht dann aber all die Symptome von der Angst bis zum Schweißausbruch, Dabei wird über den N. vagus sicherlich auch eine veränderte Herzfrequenz und ein Blutdruckverhalten angestoßen, was natürlich einem belasteten Herz nicht besonders gut tut.
Insofern ist der M. Menière sicherlich ein Risikofaktor auch in der Herz-Kreislauf-Umsetzung, aber eine davon unabhängige Störungsquelle.

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30.8.2015