Dr. H. Schaaf: Psychosomatik rund ums Ohr: Tinnitus, Gleichgewicht & Schwindel von   Dr. med. Helmut Schaaf   Email: DrHSchaaf@t-online.de   Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis:     Über internet und email   kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder an die Ambulanz des Ohr- und Hörinstitutes Hessen, Arolsen, Grosse Allee 50

Schwindelbeschwerden sind vielfältig und häufig. Sie machen gut die Hälfte der Beschwerden aus, die Menschen zum Allgemeinarzt führen. In neurologischen Facharztpraxen rangieren Schwindelbeschwerden an 3. Stelle. Wenn man genau unterscheidet, können bis zu 386 mögliche Ursachen für Schwindel beschrieben werden.

Dabei ist der Schwindel der Ausdruck einer Orientierungsstörung des Menschen im Raum. Meist geht der Schwindel mit "vegetativen" Begleiterscheinungen wie Übelkeit, manchmal Erbrechen und Herzklopfen einher. Dies kann unter besonderen Bedingungen bei ganz gesunden Menschen vorkommen (Seekrankheit, Reisekrankheit, Höhenschwindel). Meistens ist der Schwindel aber - ähnlich wie der Schmerz - ein Alarmzeichen für eine Erkrankung, die der Abklärung bedarf. Dies können in einfachen Fällen auf der körperlichen Ebene z. B. relativ harmlose Blutdruckschwankungen sein. In schweren Fällen aber können sich - zum Glück sehr viel seltener - auch Tumorerkrankungen verbergen. Glücklicherweise sind die meisten Schwindelformen gutartig und lassen sich erfolgreich behandeln.

Außer der körperlichen Ebene sind aber noch zwei andere Dimensionen betroffen: die seelische Ebene und die soziale und moralische. So tritt Schwindel bei vielen seelischen und manchen psychiatrischen Erkrankungen auf. Dies gilt insbesondere dann, wenn dabei hohe Anteile an - meist unbewußten - Ängsten und Depressionen vorliegen. Aber auch beim aktiven Erzählen der Unwahrheit wird geschwindelt und dies oft auch körperlich und seelisch erlebt!

So ergeben sich in der gleichen Wortbedeutung drei verschiedene Möglichkeiten:

1. Ein körperlicher Vorgang

2. Ein gefühltes Erleben

3. Ein sozialer Tatbestand, z. B. des Betrügens.

So kann Schwindel nicht nur den körperlichen, sondern auch den seelischen und den moralischen Verlust des Gleichgewichts ausdrücken.

Dies könnte verständlich machen, warum bei Schwindelerkrankungen oft vielfältige "rational" erst einmal nicht zu verstehende Gefühle ausgelöst werden, sowohl bei den Betroffenen wie bei den Behandlern! Diese Gefühle reichen von Unsicherheit und Hilflosigkeit über Beschützergefühle bis hin zu Ärger.

Dies gilt insbesondere dann, wenn körperliche Ursachen nicht klar erkennbar sind und seelische Anteile mit das Krankheitsbild bestimmen. Die Folgen sind, daß sich Therapeuten nur selten sicher sind und zeigen und sich darüber hinaus auch beschwindelt fühlen können. Gleichzeitig spüren sie aber trotzdem die Erwartungshaltung der Patienten und meistens auch den eigenen Anspruch, kompetente und wirksame Maßnahmen durchführen zu wollen. So ist die Tendenz groß, sich isoliert zum eigenen Fachgebiet zu äußern und dort oft "Nichts zu finden", jedenfalls nichts, zu dem sie etwas sagen können. Dann wird oft an die "angrenzenden", übergreifenden oder an die "besser spezialisierten" Kollegen der Neurologie, der HNO-Heilkunde, der Orthopädie und der Inneren Medizin, aber auch der Psychiatrie verwiesen. Dabei durchlaufen Schwindelpatienten der etwas komplexeren Art nicht nur eine Odyssee an Arztbesuchen, sondern enden nicht selten in - den wenigen - Spezialzentren. Spätestens dann hat sich das Symptom meist von seinen Ursachen mehr oder weniger frei machen können und sich verselbständigt: aus dem Schwindel beim Patienten ist ein Schwindelpatient geworden.

So ist es wichtig, auch selbst so früh wie möglich und soviel wie möglich von seinem eigenen Schwindel zu verstehen.

Eine für den Betroffenen nachvollziehbare Aufklärung ist dabei die Grundlage jeder guten Therapie.
Diese sollte im Idealfall körperliche und seelische Anteile angemessen berücksichtigen.

Dieser Beitrag möchte dazu Hilfestellung bieten, indem es die Grundlagen des Gleichgewichts und des Krankheitsbild in seinen vielfältigen Facetten darstellt.

Es kann aber eine ärztliche Untersuchung und Beratung nicht ersetzen, aber es sollen sinnvolle Therapie- und Handlungsmöglichkeiten (aber auch die Grenzen der Therapie) erkennbar werden.

Das menschliche Gleichgewichtssystem

  • ermöglicht die Orientierung im Raum
  • meldet Eigenbewegungen
  • steuert die Augenbewegung und gezielte Körperbewegungen
  • stabilisiert die Körperhaltung.

    Unser Gleichgewichtssystem stützt sich auf vielfältige Nervenverschaltungen mit Anteilen

    Nicht zuletzt sind wir Menschen in der Lage, einige der vielen Gleichgewichtseindrücke bewußt zu machen, zu erleben und zu ändern.

    Das seelische Gleichgewicht

    Genauso wie es ein körperliches Gleichgewicht gibt, existiert sicher auch ein seelisches Gleichgewicht. Dabei läßt sich Seele und Seelisches sicherlich sehr unterschiedlich verstehen. Allgemeine Übereinstimmung besteht aber darin, daß die emotionale Bewertung und das individuelle Erleben dazugehören. Dabei wirken Körper und Seele sicher eng zusammen und beeinflussen sich gegenseitig, möglicherweise sind sie gar nicht von einander zu trennen, sondern 2 Seiten einer Medaille.
    Eine wichtige Schnittstelle liegt im sog. Limbischen System. Hier werden gefühlsbetonte Impulse wahrgenommen, interpretiert und vermittelt und in Aktionen umgesetzt, meisten bevor das Bewußtsein erfährt, was geschehen ist.
    Da Menschen in der Regel immer zu anderen Menschen in Kontakt stehen und aus vielen Gründen auch stehen müssen, vollzieht sich die emotionale Entwicklung des Menschen in enger Wechselwirkung mit seiner Umgebung.   Dabei braucht - wie spätestens bei seelischen Krankheiten deutlich wird - auch die Seele ihr eigenes, sicher stets im Wandel begriffenes Gleichgewicht.

    Was kann das Gleichgewicht stören?

    Der Preis für die immer größeren Möglichkeiten eines immer umfassenderen und immer speziali-sierteren Gleichgewichtssystems ist seine größere Anfälligkeit. Schwindel ist dabei das führende Zeichen (Symptom) der Störung (Erkrankung). Schwindel kann ausgelöst werden, wenn einer der beteiligten Komponenten erkrankt und/oder gestört wird oder wenn es "Mißverständnisse" ("Kollisionen") der verschiedenen Komponenten untereinander gibt. Diese Komponenten können körperliche und seelische, aber auch moralische und soziale sein.

    Meistens reagiert gerade beim Symptom Schwindel das ganze "System" Mensch mit Körper, Seele und Geist in und mit seiner Umgebung. Sicher ist, daß sich bei einem häufigerem Schwindel oder gar Anfallsgeschehen der Schwindel nicht nur auf das Brechzentrum, die Augen und die Muskelaktivitäten auswirken kann, sondern auf das Befinden des ganzen Menschen. Schwindel-Anfälle können das bisher selbstverständlich Geglaubte gründlich durcheinanderwirbeln und rufen wohl deshalb nicht selten Todes- und Vernichtungsängste hervor.

    Der Psychosomatiker Victor von Weizsäcker, der selbst an einer anfallsartigen Schwindelerkrankung litt, bezeichnete daher 1967 den Schwindel trefflich als ein "urkrankhaftes Symptom".

    Wo kann Schwindel entstehen?

    Erkrankungen am Gleichgewichtsorgan

    Leitzeichen (Symptom): Drehschwindel

    Es ist direkt einleuchtend, daß Schäden, Behinderungen oder Fehlfunktionen an einem oder beiden Gleichgewichtsorganen zu Gleichgewichtsstörungen führen müssen, die sich dann als Schwindel bemerkbar machen. Dabei stellt sich dieser Schwindel meist sehr deutlich als Drehschwindel dar und geht in der Regel auch mit den heftigsten Schwindel-Empfindungen einher. Er zeigt für die Zeit des Schwindels schnelle Augenbewegungen, einen sog. Nystagmus. Dies führt typischerweise zu einer sich drehenden Welt, meist verbunden mit Übelkeit, oft auch Erbrechen und - verständlicherweise - Angst.

    Beginnen wir mit dem häufigsten organischen Schwindel, dem sog. gutartigen Lagerungsschwindel.

    Der "gutartige" Lagerungsschwindel:   Kurz, heftig, oft fehl - diagnostiziert, aber gut therapierbar !!!

    Typisch sind kurze Drehschwindelattacken mit spezifischen Augenzitterbewegungen (Nystagmen) nach bestimmten Kopfbewegungen, aber auch beim Bücken oder Hinlegen. Diese halten kaum länger als 30 Sekunden an. Meist vergehen nach der Lageänderung einige Sekunden, bevor der Schwindel einsetzt. Manchen wird dabei übel, einige müssen sogar erbrechen. Zwischen den Attacken kann eine leichte Gangunsicherheit bestehen. Betroffen sind überwiegend Patienten in der zweiten Lebenshälfte. In spezialisierten Schwindelambulanzen macht er etwa ein Drittel der Diagnosen aus.
    Er ist in aller Regel besser therapierbarer als jeder andere Schwindel, da die Ursache innerhalb weniger Minuten beseitigt werden kann  
    (weiter s. Lagerungsschwindel).

    Der akute einseitige Gleichgewichtsausfall

    Einmalig, schlagartig, mehrere Tage, langsame Erholung Wenn ein komplettes Gleichgewichtsorgan ausfällt, kann es aus völligem Wohlbefinden heraus schlagartig zu einem für mehrere Tage andauernden, heftigen Drehschwindel kommen.
    Der Schwindel ist verbunden mit Übelkeit und Erbrechen sowie Fallneigung im Sitzen und Stehen zur Seite des betroffenen Ohres.
    Der Kranke ist schwer beeinträchtigt. Die Betroffenen können sich nicht mehr bewegen und werden dementsprechend auch meist als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert.
    Wegen des Augenzitterns entsteht für den Patienten das Gefühl, daß sich die Umwelt dreht.

    Im Gegensatz zum Lagerungsschwindel ist der Gleichgewichtsausfall zwar nicht durch Kopfbewegungen verursacht, dennoch verstärkt jede Kopfbewegung die Symptome.

    Das Schwindelgefühl und die Fallneigung klingen in der Regel innerhalb von Tagen deutlich ab, eine vollständige Ausheilung oder - wenn diese ausbleibt, eine Gewöhnung an die neuen Umstände, dauert meist über 1-2 Wochen.

    Ursachen können Verletzungen oder vorübergehende Durchblutungsstörungen des Innenohres sein. Weitere Ursachen können aber auch Infektionen mit sogenannten "neurotropen" Viren sein. Dazu gehören Mumps-, Herpes Zoster-, Masern-, Influenza-, Adeno- Viren. Diese befallen, mit besonderer Vorliebe Nerven und dann eben auch den Hör und Gleichgewichtsnerv. Dabei kann auch - übergreifend - das Hörorgan betroffen sein. Dann kommen zum Schwindel ein mehr oder weniger deutlicher Hörverlust und oft auch Ohrgeräusche hinzu.

    Verlauf:

    In der Regel bessern sich die Beschwerden nach Ausfall eines Gleichgewichtsorgans innerhalb von Tagen und verschwinden meist nach 2-3 Wochen vollständig und dauerhaft. Beschleunigen kann dies ein gezieltes Gleichgewichtstraining.

    Im akuten Anfall können schwindeldämpfende Medikamente wie etwa Dimenhydrinat, z.B. Vomex sinnvoll sein, um den Schwindel zu unterdrücken und die Schädigungsphase zu überstehen.

    Ab dem zweiten oder dritten Tag sollten diese nicht mehr eingenommen werden, da sie dann den Ausgleich durch das verbliebene oder gesundende Gleichgewichtssystem behindern.

    Die Besserung erfolgt dabei entweder in dem das erkrankte Gleichgewichtsorgan oder der Nerv sich nach Abklingen der Entzündung wieder erholt. Das Innenohr kann komplett ausheilen.

    Selbst wenn ein Gleichgewichtsorgan dauerhaft beschädigt bleibt, kann das andere im Verbund mit den anderen Komponenten des Gleichgewichtssystem dessen Funktionen weitestgehend übernehmen.

    Die beste und wirksamste Therapie besteht in aufeinander aufbauenden Gleichgewichtsübungen, die mit einfachen Übungen schon im Bett begonnen werden können.

    Was bleiben kann ist die Angst

    Auch wenn alles dafür spricht, daß man eher im Lotto gewinnt als - im Rahmen dieses Krankheitsbildes - einen erneuten Gleichgewichtsausfall zu erleben, kann dieser so erschütternd und existentiell bedrohlich erlebt werden, daß sämtliche bisher bekannte oder vermutete Lebenssicherheiten als schwindend und schwindelnd bedroht und gefährdet erlebt werden können.
    Dann wird der dabei erlebte Schwindel oft als Morbus Meniere verkannt und führt dann
    zu unnötiger Angst und Lebenseinschränkung,
    was die Schwindelempfindungen verstärken kann.

    Hier kann dann über eine gute Aufklärung, ein intensives Gleichgewichtstraining und oft eine psychologische Behandlung weiterhelfen.

    Darüber hinaus gibt es Anhaltspunkte für die Vermutung, daß selbst bei diesem so klaren organischen Schaden psychosomatische Gesichtspunkte in der Vorphase eine wichtige Rolle spielen können. Dies scheint insbesondere bei den Patienten der Fall, die ihr Leben bisher in sehr geordneten Bahnen organisiert hatten.
    Wie im Märchen "Von dem, der auszog, das Fürchten zu lernen", schienen sie keine Angst vor gar nichts gehabt zu haben bis sie durch die am eigenen Körper erlebte Schwindelattacke auf lange Zeit erschüttert wurden.

    Die Menieresche Erkrankung - Morbus Meniere

    Beim M. Meniere ist das Gleichgewichtsorgan zusammen mit dem Hörorgan betroffen. Der Dreh-Schwindel tritt typischerweise anfallsweise auf. Er variiert von mindestens 10, eher 20 minütigen Anfällen bis zu stundenlangen schweren Drehschwindelattacken mit heftigem Erbrechen.
    Betroffen sind schätzungsweise 0,1% der bundesdeutschen Bevölkerung (siehe Morbus Meniere ).

    Ein Hörschaden - ohne Schwindel !!!

    Schwankendes Hörvermögen mit Tieftontinnitus

    Ein meist brummender, dröhnender tiefer Tinnitus, der oft verbunden ist mit wiederholten Hörschwankungen im Tieftonbereich, stellt eine relativ häufige Erkrankung des Innenohrs dar. In vielen Fällen tritt diese mit einem Druck- oder Wattegefühl auf dem betroffenen Ohr auf. Manchmal gesellen sich auch Mißempfindungen bei der gleichen Gesichtshälfte hinzu.

    Diese Sonderform des Tinnitus- und Hörgeschehens wird vielfach als Vorstufe zum Morbus Menière verkannt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß es sich um ein von anderen Tinnitus Erkrankungen abgrenzbares, eigenständiges Krankheitsbild (cochleäres Endolymphgeschehen) handelt. Dabei liegen im Prinzip - offensichtlich begrenzt auf den Höranteil - Mechanismen vor, die zu einem unausgeglichenen An- und Abtransport der Endolymphe führen können. Dies ist - im Normbereich - sicher bei jedem der Fall, Menschen funktionieren ja nicht wie Maschinen. Wahrscheinlich reagiert das entwicklungsgeschichtlich jüngere Hörorgan sehr viel feinfühliger auch auf kleinere Veränderungen, während das sehr viel ältere Gleichgewichtsorgan wohl weit mehr Schwankungen ausgleichen kann.

    Die Migräne - eine (sehr) häufige Ursache wiederholter Schwindelbeschwerden

    Viele werden sich wundern, weswegen die Migräne unter "Schwindel" zu finden ist. So ist auch kennzeichnend für eine Migräne sind in der Regel Attacken mit halbseitigen, manchmal auch beidseitigen Kopfschmerzen.

    Aber viele Migräne Patienten geben auch Schwindel als gelegentlichen oder häufigen Begleiter ihrer Kopfschmerzen an. Wahrscheinlich stellt die Migräne nach dem Gutartigen Lagerungsschwindel und etwa genau so häufig wie der Psychogene Schwindel einer der drei häufigsten Schwindelformen dar, wobei sie oft mit dem M. Meniere verwechselt wird. Dabei kann der Schwindel in drei Varianten auftreten:

    Der Drehschwindel und der Lageschwindel gehen wahrscheinlich auf eine Durchblutungsstörung im Hirnstamms zurück. Der diffuse Schwindel äußert sich als Benommenheit, manchmal auch als Unfähigkeit, klar zu denken. Der Schwindel kann, so berichten die Betroffenen, einige Stunden anhalten, manchmal überdauert er sogar die Kopfschmerzen einige Tage oder gar Wochen.

    Der Seelische Schwindel

    Auch die Seele und die damit verbundenen oder sie bedingenden Gefühle von Lust und Unlust hat ihr eigenes Gleichgewicht. Dies wird spätestens deutlich, wenn sich in Depressionen, nicht kontrollierbaren Ängsten, Zwängen und/oder psychosomatischen Erkrankungen ihr Unwohlsein oder gar ihre Vernachlässigung zeigt.

    Der "Schwindel der Seele" spielt sich überwiegend auf der Empfindungsebene in der emotionalen Welt des betroffenen Patienten ab.
    Der Schwindelzustand entsteht angesichts von für das Individuum unbegreiflichen, "verwirrenden" Affekten mit dem zentralen Element der Angst.
    Dabei kann Angst reaktiv einer organischen Erkrankung folgen oder gar ursächlich für das Gefühl des Schwindens und des Schwindels sein.

    Der psychisch verursachte Schwindel kann als einziges Symptom empfunden werden oder verbunden mit anderen, Symptomen wie Schweißausbrüchen, Mundtrockenheit, Herzrasen, Engegefühl, Atemnot und Leeregefühl im Kopf, auftreten.
    Oft wird ein Schwankschwindel oder ein diffuser Schwindel ("wie betrunken", Gehen wie auf Schaumstoff etc.) beschrieben. Prinzipiell können aber alle Schwindelqualitäten, d. h. auch ein Drehschwindel mit subjektiver Fallneigung, psychisch bedingt sein.

    Meist findet sich - aus dem eigen Erleben oder aus den emotionalen Umfeld Umfeld - ein Modell, das die körperlich empfundenen Symptome verstehen läßt.
    Für die psychische Diamension ist zusätzlich die Kenntnis der seelischen Erkrankungen, vor allem der Angst- und Depressionenserkrankungen, hilfreich.

    Die psychogenen Schwindel-Empfindungen sind dabei für die Betroffenen sehr real und keineswegs eingebildet.

    Der seelische Schwindel macht mit mindestens etwa 30% aller Schwindelformen einen beträchtlichen Anteil aus, der aber oft verkannt wird.

    Der reaktive psychogene Schwindel:

    Wem das Gleichgewicht massiv und vielleicht - wie beim oben beschriebenen M. Meniere und der Migräne - wiederholt verloren geht, der verliert oft Halt und Sicherheit.
    Dabei kann die Angst so groß werden, das sie selbst als Unsicherheit und Schwindel bis hin zu einem Gefühl des Drehschwindels empfunden und zu einer eigenen Krankheitskomponente wird. Über die reinen Anfälle hinaus kann sich dann ein "ständiges" Schwindelgefühl bemerkbar machen.
    Medizinisch und psychologisch wird dies als "Psychogener Schwindel" bezeichnet.
    Wenn zuerst die organische Erkrankung und dann der psychogene Schwindel auftritt, wird dieser als "reaktiv" bezeichnet.

    Betroffene schildern dies oft so: Man sei taumelig, nicht standfest, wackelig, aneckend, wirr im Kopf, hätte ein dröhnendes Gefühl und Angst, oft sehr viel Angst. Ganze Tage seien nun "Menière Tage". In bestimmten Situationen kann dieses Gefühl, verbunden mit Angst und Panik, dann erlebt werden wie ein Innenohr-bedingter Menière Anfall, obwohl kein Augenzittern eintritt und der Menière- und Seelen-Kranke stehen kann.

    Der Wirkmechanismus der – für Betroffene und oft auch für Behandler - unvorstellbaren Schwindelerlebnisse ist in vielen Fällen dennoch gut erklärbar.
    So ist der Schwindel meist von heftigen Gefühlen und vegetativen Symptomen wie Schweiß, Blutdruckveränderungen, Herzklopfen usw. begleitet.

    Natürlich finden diese nicht in einem isolierten luftleeren Raum statt, sondern bei gewissen "Begleitumstände", die dem Anfall vorausgingen oder in denen der Anfall stattfand.

     

    1. Schritt:

     

    während:

    2. Schritt: Klassische Konditionierung

    Abb. 2. Klassische Konditionierung beim reaktiven Schwindelanteil des M.Meniere
     

    Bei entsprechender Sensibilität, die sicher für jeden Menschen unterschiedlich ist, können dann diese Begleitumstände oder Teile davon vollkommen unbewußt die gleichen Symptome auslösen wie ein organisch bedingter Menière Anfall.

    Diese Begleitumstände sind oft:

    Beantwortet wird diese Reizer dann zwar nicht von einem Drehschwindel mit Umfallen und insbesondere nicht mit der durch ein Augenzittern (Nystagmus) bedingten, sich drehenden Welt, aber die Gefühle von

    sowie die "vegetativen" Symptome wie Schweiß, Blutdruckveränderungen, Herzklopfen usw. können genau so wie bei einem Menière Anfall erlebt werden.

    Im Gefolge können dann auch noch die auslösenden Reize immer unspezifischer werden. Dann können schon ähnliche Situationen oder Phänomene zum Auslöser der Schwindel-Empfindungen führen, ein Vorgang, der als Reizgeneralisierung bezeichnet wird.

    Hinzu kommt noch ein weiteres Phänomen. Auch die bei Schwindelanfällen fast schon natürlich auftretende Angst kann selbst wiederum wie Schwinden und Schwindel empfunden werden. Dies kann einen dauerhaften Prozeß des Angst-Schwindels und der Schwindel-Angst einleiten.

    Wenn dies – ohne therapeutische Hilfe – möglicherweise zu einer immer weiteren Einengung sowie zur sozialen Isolierung führt, können weitere psychogene Folgeprobleme auftreten, die selbst wieder zu Angst und Schwindel führen können.

    Dabei ist es wichtig zu wissen, daß diese Mechanismen überwiegend unbewußt verlaufen und für die Betroffenen – und meist für die Umgebung auch – oft "ungeheuerlich" in der Wirkung und im Verstehen sind.

    Die psychogenen Schwindelformen sind um so häufiger zu erwarten, je weniger die Betroffenen nachvollziehbar über das organische Geschehen und seine Auswirkungen aufgeklärt sind. Daher kann sich der psychogene Schwindel selbst dann verfestigen, wenn das Gleichgewichtsorgan längst seine Funktion verloren hat.

    Diagnostik

    Die Krankengeschichte ist bei Schwindelerkrankungen die wichtigste Grundlage überhaupt.
    Sie führt - zusammen mit grundlegenenden HNO Untersuchungen - in bis zu 90 % der Fälle schon zur Diagnose. Dabei spielt die Art und Weise und der zeitliche Verlauf eine wichtige Rolle. Im Idealfall werden dabei körperliche und seelische Momente deutlich. Leider sprengt ein solch zeitlich aufwendiges Vorgehen meist den Zeitrahmen in der Praxis. Es ist aber ein Anliegen, dem sich unsere Klinik grundsätzlich angenommen hat.

    Diesen Fragen sollte sich eine allgemeine körperliche Untersuchung mit Überprüfung des Herz-Kreislauf-Systems anschließen. Bei Verdacht auf Prozesse im Zentralnervensystem kann eine Spezial-Röntgenuntersuchung des Kopfes (Computer-Tomo-Gramme oder Kernspin-Untersuchung) insbesondere Tumor-Erkrankungen oder eine Multiple Sklerose ausschließen.

    Die Psychosomatische Befunderhebung - Psychologische Diagnostik

    Ärztliche und psychologische Psychotherapeuten und Psychosomatiker suchen - mit Ihnen! - über den organischen Befund hinaus nach der Bedeutung, aber auch nach den Folgen der Krankheit für Sie und ihr Erleben.

    Sie erforschen mit Ihnen, welche Situationen dazu führen, daß sich die Symptome verschlechtern oder verbessern. Sie hören nach den Gefühlen und Erinnerungen in solchen Situationen. Dies geschieht ambulant in einem sog. diagnostischen (Erst-) Interview, dem sich in der Regel weitere Probe-Stunden (sog. probatorische Sitzungen) anschließen. Gegebenfalls werden spezielle psychologische Fragebögen angewandt.

    Oft ist die Unterscheidung zwischen einem organischen Schwindel, etwa aus dem Innenohr, und dem Schwindel der Seele schwierig und bedarf des entsprechenden Wissens.

    Therapie

    Aufklärung und Beratung

    Ziel: Klarheit und Zuversicht

    Nach der genauen Diagnostik muß eine - für Sie verständliche und nachvollziehbare - Aufklärung erfolgen.

    Dabei gilt es zu erkunden, was noch möglich ist, ohne aber in vermeintlicher Schonung eine Machbarkeit vorzutäuschen, die schnell enttäuscht wird.

    Je besser die Erkrankung verstanden werden kann, um so mehr lebbare Möglichkeiten des Umgangs mit dem Schwindel können deutlich werden. Um so geringer sind auch die Folgeprobleme. Dies gilt insbesondere für eine von den Betroffenen oft nicht bemerkbare Angstentwicklung und für den seelischen Schwindel.

    Daher muß das Ziel sein, den vom Schwindel Betroffenen Klarheit und Zuversicht zu vermitteln. Das gilt für die Schulmedizin und ist, um es hier schon vorweg zu nehmen, auch das wesentliche Wirk- Element der sog. Alternativmedizin.

    Nötig ist hier von seiten des Mediziners ein verständnisvoller Zugang für das Wissensbedürfnis und die Not des Patienten.

    Nur selten werden Operationen nötig und nur selten sind - allein - Medikamente sinnvoll. So geht es meistens um eine Anleitung und Hilfe zur Selbsthilfe.

    Gleichgewichtsübungen

    Gleichgewichtsübungen sind ein wichtiger Schritt zur Erhaltung und zur Wiedergewinnung von Sicherheit in der Bewegung und der "Haltung" im weitesten Sinne.
    Dies gilt auch für "psychogene" Schwindelzustände!
    Geachtet werden soll dabei auf die Körperwahrnehmung und die Schulung, insbesondere der Körpereigenfühler und der Augen.

    Ich möchte auf den "klassischen" Übungsablauf von Cawthorne u. Friedmann (1969) und Cooksey (1946)   hinweisen,
    auf denen letztlich die meisten Gleichgewichtsübungen aufbauen.

    Im Prinzip ähnliche Übungen werden - meist anschaulich bebildert - auch von vielen Krankenkassen angeboten.

    Sind Medikamente sinnvoll gegen Schwindel???

    Sinnvoll sind schwindelunterdrückende Medikamente (Antivertiginosa) bei akuten, zeitlich begrenzten Schwindelattacken. Dies gilt für das Anfangsstadium des akuten Gleichgewichtsausfalls oder im Anfall bei der Menièreschen Erkrankung. Aber sie sollten nie länger als 1-2 Tage eingenommen werden, da sie dann wiederum den Kompensationssprozeß des Gleichgewichtssystem hemmen.

    Eine Reisekrankheit läßt sich unterdrücken, in dem letztendlich zentrale Wahrnehmungsfunktionen gedämpft werden. In diesem Sinne ist natürlich eine Prophylaxe für ein bestimmtes Ereignis möglich. Allerdings wird dies mit Müdigkeit, Mundtrockenheit, möglicherweise auch des verschwommenen Sehen und Harnverhaltes erkauft.

    Möglicherweise können einige neuere Medikamente bei Migräne-Attacken, die mit Schwindel einhergehen, über einen Anfall hinaus helfen, wobei es auch hier keine generelle Lösung gibt und erst noch weitere Erfahrungen gemacht werden müssen.

    Ansonsten gibt es zur Vorbeugung von Schwindel keine Medikamente, die bisher den Nachweis erbringen konnten, daß sie tatsächlich mehr als Placebos wirken. Ein Placebo ist ein Medikament, das keinen wirksam Inhaltsstoff besitzt.

    Dennoch feiert die Substanzklasse der "Betahistine" gute Verkaufserfolge. Beim Menschen gibt es- trotz langjähriger Anwendung - keine Studie, die eine Überlegenheit von Medikamenten gegenüber Placebos zeigt.

    Dennoch werden sie zahlreich verordnet, da sie zumindestens Patient und Arzt das Gefühl geben, etwas getan zu haben. Das erfreulichste dabei dürfte noch sein, daß wahrscheinlich auch keine großartigen Nebenwirkungen zu erwarten sind. Wirksam ist wahrscheinlich, daß die Maßnahme Zuversicht und Hoffnung auslöst, was letztendlich dazu beiträgt, wieder selber auf die Beine zu kommen. Das gleiche dürfte auch für die sogenannten "Durchblutungsmittel" gelten, sei es nun das pflanzliche Ginko, Tebonin oder die chemischen "Nootropica".

    Vollkommen überflüssig sind sie bei der Behandlung des Lageschwindels oder bei chronischen Schwindelformen.

    Psychopharmaka

    Ohne Zweifel können Psychopharmaka dazu beitragen, das Elend auszuhalten und die Symptome zu unterdrücken. Kaum abzuschätzen ist hingegen, wie viele Patienten, meist mit valiumähnlichen Mitteln schlecht bedacht oder gar leichtfertig in eine Sucht geschickt werden. So sind Vorsicht und Zweifel vor allem vor Schlaf- und Beruhigungsmitteln angebracht und notwendig.Teilweise erschwert diese zu Recht in Verruf gekommene Praxis, ausgerechnet dann die Nutzung der Psychopharmaka, wenn sie nötig werden.Psychopharmaka sollten aber keinesfalls gegen den - organisch bedingten - Schwindel oder die Angst vor dem Schwindel eingesetzt werden. Dies verhindert therapeutische Veränderungen. So verlangt die Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen nicht nur eine umfassende Kenntnis und Erfahrung. Sie benötigt auch, noch mehr als sonst in der Medizin, ein Gespür für die Zweifel und Ängste der Kranken. Psychopharmaka können insbesondere Symptome und psychische Störungen wie Angst, Depressivität, aber auch Halluzinationen unterdrücken Sie können im günstigen Falle eine Wende im Krankheitsgeschehen einleiten aber, sie bekämpfen nicht die Krankheit selber: sie sind Krücken.

    Damit - auch(!) davon - sinnvoller Gebrauch gemacht werden kann, sollte bei massiven seelischen Erkrankungen ein Facharzt für Psychiatrie aufgesucht werden.

    Gewußt werden muß aber, daß die Pharmakotherapie keineswegs für jede psychische Störung ein spezifisch wirksames Medikament bereit hält. Sie hat nur ein grobes Instrumentarium zur Verfügung. So kann sie mit den sog. "Tranquilizern" Beruhigung erreichen. Mit antidepressiven Medikamenten kann eine Stimmungsaufhellung und Aktivierung eintreten. Sie machen etwas dickhäutiger gegenüber seelischen Verletzlichkeiten und geben mehr Stütze im Außen. Sie können als Stütze - dann durchaus sinnvoll sein. Manchmal sind Sie sogar nötig, um überhaupt erst therapeutisch in Kontakt kommen zu können. Neuroleptika können die quälenden Symptome der Verfolgungsangst, die seelischmotorische Erregung, Halluzinationen und im gewissen Umfang auch Denkstörungen bei Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis günstig beeinflussen.

    So haben Psychopharmaka ihre Berechtigung als Hilfe, als Übergangsregelung und als Unterstützung anderer Maßnahmen. Dabei unterscheiden sich die dazu fachgerecht eingesetzten Medikamente in ihren Wirkstoffen deutlich von den Schlaf- oder Beruhigungsmitteln.

    Psychotherapie

    Beim Seelenschwindel ist die professionelle Therapie der Seele notwendig

    Psychologische Maßnahmen müssen erwogen werden, wenn Krankheitsbewältigungsprobleme auftreten und die Lebens- und Berufsfähigkeit gefährdet ist. Psychotherapeutische Hilfe ist insbesondere notwendig, wenn sich ein psychogener Schwindel einstellt.

    Dabei sollte der Psychotherapeut bei Schwindel Erkrankungen auch organisch - zumindest grob - Bescheid wissen - und - das ist der Wunsch und die Anforderung an die nichtärztlichen Psychotherapeuten - nicht jeden Anfall als "psychogen" deuten.

    Eine stationäre psychosomatische Behandlung

    Eine Therapie n mit den Möglichkeiten eines Krankenhauses kann notwendig werden, wenn die ambulanten Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind und sich das Krankheitsgeschehen zunehmend verschlechtert.
    Der Vorteil einer stationären Behandlung ergibt sich aus der auf einander abgestimmten Zusammenarbeit der verschiedenen Therapeuten.
    Hier kommen - wo noch möglich - Hör- und Bewegungstherapeuten zusammen und arbeiten gemeinsam an dem Problem, statt nebeneinander her.

    Eine stationäre psychosomatische Behandlung stützt sich im Idealfall auf drei Säulen:

    1. Eine medizinisch fundierte Aufklärung, gestützt auf eine umfassende medizinische Diagnostik

    2. Eine Integrative Körperarbeit

    3. und psychotherapeutische Unterstützung




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