Der Schwindel der Seele

von   Dr. med. Helmut Schaaf   Tinnitus Klinik Dr. Hesse, Bad Arolsen,
    Email: DrHSchaaf@t-online.de   Zuständige Landesärztekammer Hessen (BRD)
Wichtiger Hinweis:     Über internet und email   kann   keine   ärztliche Beratung erfolgen. Auch die zu folgenden Hinweise können keine Behandlungsanleitungen sein.
Wenden Sie sich dazu bitte an den Arzt (Therapeuten) Ihres Vertrauens und / oder an die Ambulanz des Ohr- und Hörinstitutes Hessen, Arolsen, Grosse Allee 50

Der "Schwindel der Seele" spielt sich überwiegend auf der Empfindungsebene in der emotionalen Welt des betroffenen Patienten ab.
Der Schwindelzustand entsteht angesichts von für das Individuum unbegreiflichen, "verwirrenden" Affekten mit dem zentralen Element der Angst.
Dabei kann Angst reaktiv einer organischen Erkrankung folgen oder gar ursächlich für das Gefühl des Schwindens und des Schwindels sein.

Der psychisch verursachte Schwindel kann als einziges Symptom empfunden werden oder verbunden mit anderen, Symptomen wie Schweißausbrüchen, Mundtrockenheit, Herzrasen, Engegefühl, Atemnot und Leeregefühl im Kopf, auftreten. Oft wird ein Schwankschwindel oder ein diffuser Schwindel ("wie betrunken", Gehen wie auf Schaumstoff etc.) beschrieben. Prinzipiell können aber alle Schwindelqualitäten, d. h. auch ein Drehschwindel mit subjektiver Fallneigung, psychisch bedingt sein.

Meist findet sich - aus dem eigen Erleben oder aus den emotionalen Umfeld Umfeld - ein Modell, das die körperlich empfundenen Symptome verstehen läßt.
Für die psychische Diamension ist zusätzlich die Kenntnis der seelischen Erkrankungen, vor allem der Angst- und Depressionenserkrankungen, hilfreich.

Die psychogenen Schwindel-Empfindungen sind dabei für die Betroffenen sehr real und keineswegs eingebildet.

Mysterium Seele

Die Grundlagen des Gleichgewichts als Einstieg für Betroffene wurden an anderer Stelle ausführlich dargestellt, hier soll es um den seelischen Anteil der menschlichen Balance gehen, der oft schwer durchschaubar ist.   Das liegt auch im Wesen des Phänomens "Seele" selbst und geht bis zu der Frage, ob es eine Seele überhaupt gibt. So ist es - auch bei bestem Willen - oft nicht einfach, die Psyche und ihre Krankheiten zu erkennen.

Körperliche Krankheiten offenbaren sich durch Anzeichen von Schmerz, Fieber, Lähmungen oder sichtbare Körperveränderungen. Dies sind alles Symptome, die im wahrsten Sinne des Worte be-greif-bar sind. Viele seelische Veränderungen werden dagegen als schwer zu fassende, sozusagen un-be-greif-liche Störungen erlebt.
"Die Seele" hat nicht die Möglichkeit, sich für alle verständlich, z.B. sprachlich auszudrücken. Sie bedarf anderer Formen, ihre Botschaft "herüberzubringen". Dies geschieht eben oft indirekt über körperlich empfundene Beschwerden.

So sind die von seelisch bedingtem Schwindel Betroffenen fest davon überzeugt, dass ihr Schwindel organisch begründet ist. Seelische Ursachen erscheinen ihnen unwahrscheinlich, un-glaublich und auch unannehmbar.
Letzteres liegt auch daran, dass es - immer noch - weitestgehend "verpönt" ist, seelisch zu erkranken. Denn anders als bei einem Gleichgewichtsausfall oder einem noch so leichtsinnig verschuldeten Beinbruch, wird beim psychischen Leiden gleich die Frage laut, ob man sich denn nicht "anstelle" oder - insbesondere beim Schwindel - nur "simuliere". Auf diesem weiten Feld soll dem Phänomen des Seelischen im menschlichen Gleichgewicht und seinem Schwinden bei Schwindel nachgegangen werden. Dabei kann gleich festgestellt werden, dass die Seele (zumindest im irdischen Leben) ohne Körper wohl keine Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeit haben kann.

Die Entwicklung des Seelischen

Schaut man sich die Entwicklung des "Seelischen" nach Ahrens (1995) an, so fällt auf, dass die wichtigsten Gefühle oder Emotionen beim Säugling und Kleinkind noch sehr körperlich ausgedrückt werden.
Ist ein Kleinkind zufrieden, so strahlt es; wenn es Hunger oder Durst hat, unbequem liegt oder gewickelt werden muss, so schreit es.
Im Verlaufe des normalen, gesunden Wachstumsprozesses entwickelt sich dann ein immer breiterer Fächer von emotionalen Qualitäten:

-   Lust differenziert sich in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung, Zärtlichkeit
-   Unlust differenziert sich in Angst, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit.

Man könnte diese Mechanismen als "Ver- und Entsorgungsunternehmen der Seele" betrachten, die eben genau dazu dienen, dem Menschen ein optimales inneres und äußeres Gleichgewicht (Homöostase) zu verschaffen.

Unsere emotionale Entwicklung vollzieht sich also stets in enger Wechselwirkung mit unserer Umgebung. Und diese besteht da wir zu Anderen in Kontakt stehen, - ebenfalls aus Menschen. Meist sind das die Eltern und Geschwister; im weiteren Sinne das Dorf oder die Stadt, die kulturelle Umgebung, das Bundesland und/ oder der Staat.

Der "Reifungsprozess" der emotionalen Qualitäten geschieht aber nicht automatisch. Er muss erlernt, erarbeitet, gefördert, geübt, neuen Bedingungen angepaßt und erhalten werden.
Auch hier ist das Gleichgewicht ständig im Fluss. Der seelische "Reifungsprozess" scheint aber bei "überflutendem" Druck oder "grenzüberschreitender" Not umkehrbar. Dann kann es beim Menschen wieder zu einem Rückfall (Regression) in körperlich empfundene (somatische) Reaktionen (von kleinen Kindern) kommen, d.h. die Seele muss sich wieder zunehmend mehr über den Körper ausdrücken.
Dies ist oft bei älteren (vereinsamenden) Menschen zu beobachten, wenn sie - etwa nach dem Verlust eines Partners - mit ihrer Krankheit fast genauso im Dialog stehen wie mit ihrem ehemaligen Partnern.

Bedingungen für das seelische Gleichgewicht

Inzwischen können einige wichtige Bedingungen für eine erfolgreiche Erhaltung des seelischen Gleichgewichtes bei immer neuen Belastungen und Herausforderungen benennen.
Schon in frühesten Jahren erkunden demnach diejenigen Kinder, die eine sichere Bindung zu mindestens einer erwachsenen Bezugsperson aufgebaut haben, deutlich mehr, mutiger und neugieriger ihre Umwelt, als diejenigen Kinder, die eine unsichere Bindung aufweisen.
Das bedeutet, dass erst eine sichere Basis geschaffen werden muss, ehe man sich auf die Belastungen und Risiken neuer Situationen einlassen und sich mit diesen aktiv auseinander setzen kann. Dann wird es möglich, auf eigenen Füßen zu stehen, eigene Erfahrungen zu machen und sich in der Welt zurechtzufinden.
Wer auf diesem - selten einfachen - Weg Grunderfahrungen von emotionaler Geborgenheit und eigener Kompetenz machen konnte, ist später in der Lage, auch eine eigene Vorstellung von sich selbst zu entwickeln. Diese Vorstellungen können zu inneren Bildern werden, die uns Menschen Halt, Sicherheit und Orientierung bieten. Aus der eigenen Entwicklung gewachsene und immer neu bestätigt gefundene innere Überzeugungen können Menschen dann - erwachsen und allein - auch in schwierigen Situationen immer wieder neuen Mut für einen neuen Anfang geben, um ihr seelisches Gleichgewicht zu halten oder neu aufzubauen.
Es ist also nicht egal, wer, wo mit wem aufwächst.

Allerdings brauchen Kinder über eine sichere emotionale Beziehung hinaus auch noch vielfältige, unterschiedliche Herausforderungen und Anregungen. Nur so können sie sich selbst erproben und eigene Kompetenzen entwickeln. So gehören zu den Grundlagen des seelischen Gleichgewichtes zwei Tendenzen etwa im lebenslangen Ringen um das Verhältnis von Autonomie und Abhängigkeit (Kräfte), die nicht immer zusammen zu passen scheinen. Manchmal wirken diese - wie beim "Muskelspiel" zwischen Beugern und Streckern, auch direkt entgegen; und dann entscheidet "die richtige Mischung".
So ist für das seelische Wachstum zum einen die Herstellung des gewohnten Familiären notwendig.
Zum anderen braucht die seelische Entwicklung notwendigerweise auch die Ablösung von den Eltern. Oft beginnt dies mit der Suche nach einer neuen, dem bisher Bekannten widersprechenden Erfahrung. Dies ist spätestens in der Pubertät mit ihrer Ambivalenz deutlich zu sehen, wenn Eltern "auf einmal komisch werden." Zur Herstellung des gewohnten Familiären gehört dann auch, dass man als Erwachsener im späteren Leben versucht, seine soziale Umwelt nach dem Vertrauten zu gestalten - oder genau das Gegenteil.

Gefahren für das seelische Gleichgewicht

Immer wieder gefährdend für das seelische Gleichgewicht, aber auch weiterbringend, kann die Angst sein. Bei realer oder phantasierter Gefahr ist Angst das Lebensthema des Menschen schlechthin.
Dabei ist Angst an sich prinzipiell nichts schlechtes. So ist es absolut sinnvoll, in tatsächlich gefährlichen Situationen sein Handeln noch einmal zu überdenken, also zu zögern, oder sich gar "instinktiv" auf die Flucht zu machen.   Das gleiche gilt auch für die Angst, wenn im seelischen Gefüge Gefahr droht.

Im Gegensatz zur Angst vor äußeren Objekten (Schlangen, Tigern usw.), ist eine innerlich erlebte Bedrohung nur schwer zu fassen. So kann man der Angst auch nicht einfach davonlaufen, denn man trägt sie in sich, mit sich - teilweise oder meist überwiegend unverstanden - herum und ist ihr dementsprechend tagtäglich ausgeliefert.   Dies kann sich (bei Angstkorrelaten) psychovegetativ ausdrücken, und zwar in Form von:
· nervöser Unruhe
· Schlaflosigkeit
· Schwitzen
· Herzklopfen
· Druck im Kopf
· Magenschmerzen
· und/oder eben Schwindel ...

Die Störungen und Krankheitsbilder, die dann entstehen können, lassen sich dabei in zwei große Gruppen unterscheiden: die ohne organische und die mit organischen Schädigungen.
Ohne organische Schädigungen werden
· die Somatisierungsstörungen,
· somatoforme Funktionsstörungen
· und die sog. funktionellen Symptome benannt.

Mit organischer Störung gehen all die psycho-somatischen Erkrankungen einher, bei denen letztendlich auch die organische Struktur leidet, in der sich Seelisches ausdrückt. Gemeinsam ist Beiden, dass sich hier Seelisches körperlich äußert, ohne das die eigentliche seelische Botschaft vom Betroffenen verstanden wird.

Angst kann sehr früh zum existentiellen Thema werden, wenn nicht mindestens ein Elternteil für das Heranwachsende zur Verfügung stehen kann. Eine andere (Bindungs-)Angst wird zum Dauerthema, wenn Bedingungen an das "so-Da-Sein-dürfen" des noch Unselbständigen gestellt werden. Dies kann ganz dramatisch dann der Fall sein, wenn das "neu in die Welt Gekommene" nicht zu seinem Umfeld paßt - und umgekehrt.

Eine gutartige Krankheit der Seele: Die Neurose

Im Umgang mit dieser, für ein heranwachsenden Menschen bedrohlichen Angst, kann als Ergebnis eine sog. Neurose entstehen. Was aber ist eine "Neurose" die zunächst durch Freud kränkend und später durch Woody Allens "Stadtneurotiker" so bekannt wurde, dass man glauben sollte, jeder zivilisierte Mensch hätte eine.

Die Neurose ist eine gutartige Krankheit der Seele. Sie entsteht in dem - mehr als verständlichen - Versuch, unangenehme, unerträgliche Gefühle von (innerlicher!) Angst, Unlust und von Schmerz zu vermeiden. Daher muss ein neurotisches Verhalten nicht unbedingt krankhaft sein oder Krankheitswert haben. Ebenso kann einer Neurose oft ein unbewusster, unbewältigter seelischer Konflikt zugrunde liegen.
Ein Grundthema wäre dabei der stetige Wunsch nach Versorgung und Zuwendung mit dem oft dazu parallel einhergehenden Bestreben nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit von Anderen.
Wenn sich dabei mindestens zwei gleich starke Kräfte gegenüberstehen, von denen sich keine durchsetzen kann, kann der Kompromiß statt einer wirklichen Lösung mit all ihren emotionalen Kosten eine Neurose oder ein neurotisches Verhalten sein.
Dabei kann sich ein eingeschränktes Verhaltensrepertoire festschreiben, und es im "Sowohl als Auch" Probleme geben.
Klassisch ist dabei die Klage über die Eltern, die "unmöglich" sind und "krank machen", denen aber am Wochenende die Wäsche gebracht wird. Später kann dies die Klage über den Chef sein, der keine Struktur vorgibt, der man sich dann widersetzen kann.
Neurotisch ist dies aber nur dann, wenn dies möglicherweise fast allen Außenstehenden, nicht aber dem Betroffenen selbst bewusst ist.
So findet sich schon im neuen Testament die Erkenntnis, dass man den Splitter im Auge des Gegenübers oft besser sehe als den Balken vor seinem eigenen Kopf.
Der amerikanische Psychiater und Psychologe Paul Watzlawick hat die Neurose als einen Versuch bezeichnet, "mit immer mehr vom Selben etwas zu bewältigen, was qualitativ einer anderen Lösung bedarf".

Je nachdem, in welchem Entwickungsabschnitt eine Schädigung entsteht, kann sich ein bestimmter Umgang mit der Angst verfestigen, um im sozialen Umfeld überleben zu können.
Dieser Umgang mündet oft in mehr oder weniger feste Strukturen, die Vor- und Nachteile haben.

Wie kann ein neurotisches Symptom entstehen?

Das Grundmodell der Tiefenpsychologie ist das des wieder auflebenden Entwicklungskonfliktes.
Dies meint, dass im Laufe der oben anskizzierten Entwicklungslinien Grundkonflikte ungelöst blieben, die sich dann im Erwachsenenleben mit anderen Menschen wiederholen.

Das Klassische wäre z.B. die "Verwechslung" des Chefs mit dem strafenden Vater oder die der Ehefrau mit der zu viel oder zu wenig liebenden Mutter.
Dann kann es in spezifischen Situationen - reaktualisiert - für den Erwachsenen zu Reaktionen kommen, die emotional denen noch schutz- und wehrlosen Kleinkindes entsprechen. In dieser "Verwechslung" lassen sich manche, eigentlich lösbaren Probleme, z.B. bei Fragen der Kompetenz, nicht lösen.
So kann die Zuständigkeit einer Unterschriftsberechtigung emotional zu einem Konflikt zwischen eigenständigen Bestrebungen und Unterwerfung - unter eine Vaterfigur - werden. Dann kann der Schwindel Ausdruck der Ohnmacht und ein - schlechter - Lösungsansatz sein, der den Betroffenen aus den krankmachenden Bedingungen "herausfallen" läßt.
Dabei verkennt der Erwachsene (meist), dass er jetzt "eigentlich" erwachsenere Möglichkeiten unter Seinesgleichen hätte. Diese sind im Zweifel ausbaufähig, wobei z.B. die Psychotherapie helfen kann.

Das zweite Modell für die mögliche Entstehung einer Neurose ist das der erhaltenen Entwicklungsdefizite.
Hier finden sich "strukturell" stärker geschädigtere Personen. Diese sind in ihrer (sicher einst lebensrettenden) Reaktion auf ihre schwere Schädigung "persönlichkeitseigen" fixiert und haben dies als Persönlichkeitsmerkmal behalten. Typischerweise reagieren diese Menschen selbst auf - für andere - "geringfügige" Belastungen und Herausforderungen "überzogen". Sie sind dabei fixiert auf hysterische, zwanghafte, schizoide oder depressive eigene Persönlichkeitsmerkmale - mit entsprechend sozial schwierigen Konsequenzen.
Ein Unterschied ist dabei oft zu bemerken: während die "neurotisch Leidenden" an sich leiden, so leiden unter den Persönlichkeitsgestörten meist die Anderen. So "merken" Zwangs-Neurotiker, dass ihr Ordnungstrieb und ihre Neigung, Stifte exakt nebeneinander zu legen und wiederholt zu sortieren, doch mit großem Aufwand verbunden ist und auch einmal peinlich sein kann. Oft leiden sie auch darunter. Zwanghafte Persönlichkeiten gehen davon aus, dass "ihre Ordnung" so sein muss. Für sie liegen alle anderen "falsch" - selbst wenn alle anderen in der erschlagenden Überzahl sind.

Eine dritte Möglichkeit, Neurosen zu entwickeln, ist ein erlebtes und dann nicht ausreichend verarbeitetes Trauma.  Dabei fallen entsprechende Schäden um so nachhaltiger aus, je früher im Lebenszyklus das Trauma geschieht. Von der Verhaltenstherapie her werden Neurosen als verfehlte Lernvorgänge angesehen.

Während die klassische, tiefenpsychologische Neurosenlehre am stimmigsten erklären kann, warum Symptome auftreten, kann die Verhaltenstherapie aufzeigen, wie diese aufrecht erhalten werden und in ihren Auswirkungen auch behandelbar sind. Dabei zeigt sich dann oft genug, dass ein Verhalten gut gelernt und erhalten geblieben sein kann, auch wenn der eigentliche Konflikt nicht mehr von Bedeutung ist.

Was kann das seelische Gleichgewicht stören ?

Generell kann Schwindel ausgelöst werden,
· wenn eine der am Gleichgewicht beteiligten Komponenten erkrankt und/oder gestört ist,
· wenn es "Mißverständnisse" ("Kollisionen") zwischen der verschiedenen am Gleichgewicht beteiligten Komponenten gibt.

Dann wird der Begriff "Schwindel" benutzt für Gefühle
· des Schwankens,
· der Unsicherheit
· und des Taumels
also hinsichtlich des Körpererlebens und des Schwindens der Sinne.

Schwindel ist dann zweierlei: ein körperlicher Vorgang und ein "gefühltes" Erleben.

Schwindel wird aber - ungebrochen - auch benutzt hinsichtlich des - aktiven - Erzählens der Unwahrheit.
So kann Schwindel nicht nur den physischen, sondern auch den psychischen und den moralischen Verlust des Gleichgewichts ausdrücken (Lamparter 1995).

Meistens ist das Symptom "Schwindel" - ähnlich wie der Schmerz - ein Alarmzeichen für eine Erkrankung, die der Abklärung bedarf.
Glücklicherweise sind die meisten Schwindelformen gutartig und lassen sich erfolgreich behandeln.
In 30-50% aller Gleichgewichtsstörungen tritt Schwindel bei seelischen (psychischen) Erkrankungen auf.

Der psychogene Schwindel ist häufig ein Anzeichen dafür, dass im seelischen (psychischen) Gleichgewicht etwas durcheinander gekommen ist oder etwas vernachlässigt wurde.
Modestin beschrieb 1983 symbolische Deutungen des Schwindels. Er interpretierte den seelischen Schwindel als Zeichen für ...
· etwas, das aus den Fugen geraten ist,
· die Sehnsucht nach Stütze und Halt,
· das Übergangsphänomen von einem Zustand in den anderen, bei de m ein Gleichgewicht verloren und ein neues wiederhergestellt werden muß.

Ebenso könne der Schwindel Ausdruck der Untragbarkeit einer Situation sein.
Die Kraft geht verloren, der feste Halt fehlt, man ist nicht "im Stande" zu tragen, im Gegenteil, sondern wünscht, getragen zu werden. Stabilität und Kontrolle gehen verloren, die Unsicherheit und die Angst machen sich bemerkbar.
Scheinbar dazu im Widerspruch stehend könne der Schwindel aber auch zu einer - zumindest vorläufigen Konflikt"lösung" führen. Die sicher - für alle Seiten unbefriedigende Lösung - bestehe darin, dass der Entscheidungs- und Entschluss-Unfähige aus - für ihn - nicht mehr auszuhaltenden Gegebenheiten herausfalle und damit ein Zurückziehen von Konflikt und Problem erreicht wird.
So wie also Schwindel einen (inneren) Konflikt auszudrücken vermag, so kann er auch ein Zurückziehen von den Problemen bedingen (Modestin 1983).

So können - scheinbar plötzlich - Schwindelempfindungen entstehen bei für den Betroffenen unbegreiflichen, verwirrenden Affekten oder "inneren" Wahrnehmungen, die Angst auslösen. Aber bei einem noch so seelischen Geschehen ist immer AUCH eine körperliche Dimension mit einbezogen.

Schwindel aus Überlastung

Wenn die eigenen Kräfte ausreichend überfordert werden, können sich auch bei körperlich kerngesunden Patienten Schwindelphänomene zeigen.
Beim Haus- und auch beim Facharzt bekommen sie das freundliche Ergebnis präsentiert: "Bei Ihnen ist alles in Ordnung, Sie haben keinen Tumor, man sieht keine Veränderungen im EKG, alle Stoffwechselwerte in Ordnung".
Dennoch haben sie ein "unbegreifbares" Leiden, das etwa
· mit "sekundenweisen Aussetzern" (ohne Bewußtseinsverlust) einhergeht,
· in einem "Versagen" der Kreislauffunktion mündet,
· oder im Zusammensinken oder Zusammenbrechen endet,
als wäre die Welt "ver-rückt".

Dies ist oft schon bei jungen, ehrgeizigen, überengagierten Berufstätigen, Männern wie Frauen zu beobachten. Diese gehen dann in der Arbeit nicht nur auf, sondern eben manchmal auch unter.
Fatal ist es, wenn sie "zum Ausgleich" auch noch ein exzessives Freizeitleben führen, um nicht "out zu sein".

Obwohl jeder Teilaspekt des Arbeits- und Freizeitverhaltens für sich allein problemlos und wichtig sein kann, so kann die Gesamtmenge zur Überanstrengung und Erschöpfung der körperlichen und "nervlichen" Reserven führen. Zu viel des Guten ist eben zu viel.
Dabei wird im Schwindel ein Kontrollverlust erlebt, der den ansonsten völlig geplanten "Lifestyle" ungeheuerlich unterbricht. Dies hat oft eine möglicherweise bisher nie gekannte Angst in einer bedrohlich unerklärlichen Form zur Folge.

Hier sind Medikamente (allein) sicherlich nicht sinnvoll.
Eher ist ein Nachdenken darüber angebracht, · was im Leben tatsächlich wichtig ist und ob es dafür mehr als nur den einen Weg über "ständige Leistung" gibt;
· was ich mir an Ausgleich und Spaß gönne oder
· inwieweit sowohl die körperlichen wie auch die seelischen Reserven für diesen besonderen Lebensstil ausreichend sind, ohne i m schwindelnden Zusammenbruch zu enden.

Dies muß ggf. auch psychotherapeutisch erarbeitet werden.
Tödlich für die Seele und für den Körper sind Fit-Halte-Drogen wie Ecstasy.

Der "phobische Attackenschwankschwindel"

Ein häufiger seelischer Schwindelzustand, in dem die Angst (griechisch: Phobie) eine entscheidende Rolle spielt, wurde von den Neurologen Brandt und Dieterich (1986) als "phobischer Attackenschwankschwindel" bezeichnet.
Einen solchen Schwindel erleiden Patienten in bestimmten sozialen Situationen (z.B. in Kaufhäusern, Konzerten, bei Besprechungen) oder angesichts typischer auslösender Sinnesreize (Brücken, leere Räume, Straßen). Als Auslöser vermuten sie eine ängstliche Eigenbeobachtung und Fehlabstimmung zwischen dem, was gesehen und was empfunden wird.
Dadurch können bis dahin gewohnte Handlungsweisen (Sicht- und Handlungsmuster) ängstlich hinterfragt und in der Folge aktive Kopf- und Körperbewegungen als passive Beschleunigungen oder Scheinbewegungen erlebt werden.
Daraus ergibt sich charakteristischerweise die Kombination eines Benommenheitsschwindels mit subjektiver Stand- und Gangunsicherheit. Dies wird - verständlicherweise - mit einer oft zunehmenden, manchmal in Windeseile ansteigenden Vernichtungsangst empfunden.
Dies alles geschieht - in der emotionalen Welt der Erkrankten - obwohl sie tatsächlich stehen und gehen können. Die Betroffenen fühlen sich organisch krank. Sie klagen dabei typischerweise nicht in erster Linie über die "Angst", sondern über den "Schwindel". Nicht die ängstliche Beobachtung, woher immer sie auch in dem konkreten Fall kommen mag, hat für sie das Schwindelgeschehen ausgelöst. Sie glauben verständlicher- aber fälschlicherweise, dass der Schwindel die schreckliche Angst ausgelöst habe.

Platzangst: Offene Räume werden eng

Bei der Platzangst (Agoraphobie) tritt der Schwindel oft als Ausdruck der Angst auf.  Unterschieden wird eine Unterform mit Panikstörung (F40.1) und eine ohne Panikstörung.
Das kann oft zu "hinweg-schwindendem" Schwindel mit "Schwinden der Sinne" führen. Nicht selten tritt dabei eine übersteigerte Atmung (Hyperventilation) ein, die gar zu "Krämpfen" führen kann.

Schwindel statt Angst, Depression und anderer unangenehmer Gefühle

Wenn im seelischen Gefüge Gefahr droht, äußert sich für den Betroffenen zunächst vieles "unverständlich".
So fällt es oft schwer, daran zu erkennen, was zu ändern ist. Dann kann man versuchen, im "Unbewussten" seiner Not versuchen, dennoch "etwas" zu finden oder nach außen zu verlagern. (Damit ändert sich zwar noch nichts an der eigenen Not, man bekommt aber wenigstens eine "Adresse". Deutlich wird dies z.B. bei Phobien).
Dies geschieht häufig im Rahmen einer depressiven Entwicklung.   Dann kann der Schwindel anstelle der Angst, aber auch anstelle von anderen "unangenehmen" oder "nicht aushaltbaren" Emotionen, etwa Lust, Ekel oder auch Wut in den Vordergrund bzw. in das Bewusstsein treten.
Dabei zeigen sich aus der Dynamik der seelischen Vorgänge (psychodynamisch) heraus, einige typische Konflikte (Widersprüche zwischen nicht oder nur schwer miteinander zu vereinbarenden, wichtigen Impulsen) und/oder Grundsituationen in folgenden Kernbereichen:

1. Konflikthafte äußere Lebensbelastungen
    Besonders nach Trennungen und Verlusten (schwindenden Beziehungen),
    aber auch nach schweren Erkrankungen kann es zum Auftreten von Schwindelphänomenen kommen,
    ohne dass der depressive Inhalt dem Patienten bewußt wird.

2. Abhängigkeitsentwicklung im Widerspruch zu Selbständigkeitswünschen
    Dies kann typischerweise bei der Ablösung von den Eltern, aber auch von Vertrautem und "Heimatlichem" beobachtet werden.
    Es kann auch die Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten sein.

3. Fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung
    Hier spricht (im nicht wahrgenommenen Konflikt) die Krankheit für den Menschen.

4. Tatsächliche Unterwerfung im Widerspruch zu dem Wunsch nach Kontrolle
5. Versorgungswünsche im Widerspruch zu Unabhängigkeitsbestrebungen
6. Selbstwertkonflikte, Gewissens- und Schuldkonflikte
7. Sexuelle Konflikte und Identitätskonflikte

Im Boden versinken - Schwindel im Rahmen einer "Sozialen Phobie"

Im folgenden soll ein - bis auf den Schwindel - fast unauffälliger Fall vorgestellt werden, bei dem die oben genannten Kernbereiche eine mehr oder weniger ausgeprägte Rolle spielten.
So berichtete eine 25jährige attraktive Patientin, die eine überdurchschnittliche Intelligenz zeigte, dass sie unter extremer Unsicherheit und Schwindel in verschiedenen Situationen leide, besonders wenn sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehe. Sie verspüre dann starkes Herzklopfen und den starken Drang, die Situation sofort zu verlassen.
Manchmal tue sich regelrecht der Boden vor ihr auf, und sie wünsche nichts sehnlicher, dann darin zu versinken. Dies mache ihr große Angst, da sie diese Situationen trotz allem nicht vermeiden könne.
Neuerdings müsse sie nach einer Beförderung, die sie gar nicht angestrebt habe, in ihrem Beruf oft Vorträge halten und Sitzungen leiten. Dabei könne sie sich diese Symptome nicht leisten. Sie habe oft schon im Vorhinein Angst, bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zu versagen, und schlafe dann schlecht. Am liebsten würde sie wieder vom Schreibtisch aus telefonisch oder per E-mail ihrer Aufgabe gerecht werden. Das traue sie sich aber auch nicht zu erbitten, da sie ihren Chef nicht enttäuschen wolle.
Im Kontakt fielen vor allem Verspannung und Unruhe auf.
Im Gespräch wurden besonders Ängste vor negativer Beurteilung anderer und die Befürchtung, nicht akzeptiert zu werden, deutlich. So glaubte die Patientin ständig, etwas falsch zu machen und von den anderen "schief" angesehen zu werden. Sie habe das Gefühl, dass alle ihre Unsicherheit bemerken.
Der lebensgeschichtliche Hintergrund
Die Patientin ist das älteste von vier Kindern. Der Vater war "oberkorrekter" Beamter, die Mutter Hausfrau.
Bis zum Schuleintritt (Geburt ihres ersten Geschwister) verlief die Entwicklung unauffällig. Ihre Schwester sei dann Liebling der Mutter geworden und habe auch viel Aufmerksamkeit vom Vater erhalten. Meist sei der Vater aber beruflich unterwegs gewesen, und die Eltern hätten sich an den Wochenenden oft gestritten. Besonders einschneidend sei die Geburt des zweiten Geschwisters gewesen, da die Mutter kein weiteres Kind gewollt habe. Zu der Zeit begann die Mutter, alkoholabhängig zu werden. Danach hätten Streit und ständige gegenseitige Vorwürfe das Familienklima bestimmt. Die Mutter habe in der Folge insbesondere die Patientin, aber auch die jüngeren Geschwister geschlagen. Unter Alkoholeinfluss habe sie Wiedergutmachungsversuche unternommen, die die Patientin zuerst verunsichert und später ärgerlich gemacht hätten, sie hätte dann Gefühle sowohl des Hasses als auch der Schuld der Mutter gegenüber entwickelt.
Als ältestes Kind habe sie unter der Alkoholabhängigkeit der Mutter am meisten gelitten, da sie sehr früh Verantwortung für den Haushalt und die jüngeren Geschwister übernehmen musste. Auch hätte sie sehr häufig Alkohol für die Mutter besorgen müssen, wofür sie sich sehr geschämt habe. Sie habe sehr häufig das Gefühl gehabt, in ihrer Familie stimme etwas nicht, habe sich sehr bemüht, Ordnung und Struktur zu schaffen und zu erhalten. Die verunsichernde Situation zu Hause habe ihr dann auch Schwierigkeiten bereitet, sich von der Familie, für deren Wohl sie sich verantwortlich fühlte, zu trennen. Sie sei sehr schüchtern gewesen und habe keinen guten Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt. An ihre Schulzeit kann sie sich kaum erinnern, sie sei aber oft sehr traurig gewesen und habe keine Freude am Lernen empfunden. Ihre Leistungen sei sie sehr schlecht gewesen.
Mit 17 Jahren sei sie "irgendwie" von Zuhause ausgezogen und habe eine Arbeit begonnen. Eine längere Beziehung mit einem Mann habe sie nur einmal gehabt. Diese sei überwiegend durch Kampf gekennzeichnet gewesen. Sie stelle sehr hohe Ansprüche an den Partner. So lebte sie allein. Sozialkontakte habe sie hauptsächlich zu Frauen und über berufliche Bezüge.

Zusammenschauend zeigt sich, dass die Patientin in ihrer Kindheit und Jugendzeit "für eine normale Entwicklung" ungünstigen Einflüssen und traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt war. Bis zu ihrem 5. Lebensjahr ist sie der Liebling des Vaters gewesen, was sich durch die Geburt der nachfolgenden Geschwister abrupt geändert hat.
Die Alkoholkrankheit der Mutter konnte keine verlässliche weibliche Identifikation ermöglichen, ebenso wie das Erlernen sozialer Fertigkeiten extrem behindert war. Kompensiert hat die Patientin diese schwierigen Ausgangsbedingungen teilweise mit ihren hohen kognitiven Fähigkeiten.
Geblieben sind soziale Ängstlichkeit und das Gefühl, trotz objektiver Erfolge, nicht wirklich selbst für das Erreichte verantwortlich zu sein.

Wenn wir uns dieses Beispiel im Hinblick auf den Schwindel wie dessen Entwicklung näher betrachten, so fällt folgendes auf:
Die Patientin bekommt Schwindel in Situationen, in die sie eigentlich nicht hinein möchte.
Dies entspricht dem klinischen Krankheitsbild der sozialen Phobie.

Bei "sozialen Phobien" werden vor allen Dingen die Aufmerksamkeit und die kritische Beobachtung anderer Menschen situativ gefürchtet. Die Angst vor Beschämung spielt dabei eine entscheidende Rolle. In der Symptomatik ist dabei die an ein Objekt oder an eine Situation gebundene Furcht das Leitsymptom der Phobie.

Nun könnte man sich fragen: wie kann es dazu kommen, dass sie etwas macht, was sie eigentlich nicht möchte. Schließlich könnte sie doch einfach "Nein" sagen. Dabei gehört die Vortrags- und Öffentlichkeitstätigkeit direkt zu dem Beruf der Patientin. So könnte man fragen, wieso sie dann so einen Beruf ergreift, in dem Dinge nötig sind, die ihr ganz offensichtlich zusetzen.
Nun lesen wir, dass die Weiterentwicklung und Beförderung in diese Position hinein eine war, die von der Patientin so gar nicht angestrebt war. Bis dahin saß sie auf einer Stelle, wo sie wenig mit Publikum zu tun hatte und wo sie sich hauptsächlich mit "Sach-"Fragen beschäftigen mußte. Sie hatte sich - entsprechend ihren Möglichkeiten, aber auch ihren Ängsten - soweit arrangiert, dass sie nicht weiter auffiel. Zumindestens glaubte sie daran.
Es zeigte sich aber, dass sie ihre Aufgaben ganz gut und offensichtlich mehr als gut erledigte. So fand sie in ihrem Chef - ungefragt - einen Förderer, der erkannte, dass in dieser Frau mehr steckte, als sie sich selbst zutraute. Dabei war sicherlich von Bedeutung, dass sie vom Wesen her, wie eingangs beschrieben, nicht nur freundlich, sondern auch attraktiv war, was bei Männern durchaus positive, in diesem Fall auch fördernde, Gefühle auslösen kann.

So hat bei ihr nun einerseits die - übliche amtliche "Beförderungsfalle" zugeschlagen.    Andererseits erlebt sie - bewußt so gar nicht angestrebt - die Förderung durch den Vorgesetzten.
Um diesen nicht zu enttäuschen, "durfte" sie auch nicht "Nein" - sagen, sondern begab sich in eine Situation, die sie am liebsten vermieden hätte. Die dabei entstehende Angst kennen wir im Ansatz sicherlich alle, wenn wir in öffentlichen Räumen etwas darstellen oder vortragen sollen. Es kommt aber auch eine Komponente hinzu, die nur aus ihrem bisherigen Leben verständlich wird. Denn - unabhängig davon, ob man dies lerntheoretisch oder tiefenpsychologisch deutet - zeigt sich, dass öffentliche Auftritte für die Patientin nach der Alkoholkrankheit der Mutter unangenehm, peinlich und teilweise mit Scham besetzt sind. Diese tiefe Grunderfahrung mit dem Wunsch, lieber unauffällig zu sein, scheinen so prägend, dass sich über die "normale Nervosität" hinaus der Patientin eher der Boden auftut, als dass sie sich in diese Situation hineinbegibt.
Gleichzeitig hat sie es nicht vermocht, bei einem sehr strengen Vater in der Kombination mit der nicht verläßlichen Mutter, eine eigene Position zu beziehen und in diesem Sinne auch einfach bewußt: "Nein" sagen zu können.

Sie stand also für sich in dem unauflösbaren Konflikt, die Erwartung des Vorgesetzten erfüllen zu wollen und andererseits die unendliche Furcht zu haben, dies nicht zu können.
Der sicher nicht optimale "Kompromiß" zwischen diesen beiden nicht miteinander vereinbarenden Impulsen war in dem Fall der Schwindel. Dieser bewirkte auch, dass die dabei sicherlich entscheidende Angstkomponente so nicht wahrgenommen werden konnte.
Schaut man sich diese Entwicklung unter Berücksichtigung der obigen Kernkonflikte an, so steht ganz im Vordergrund sicherlich der Widerspruch zwischen Abhängigkeitsentwicklung und Selbständigkeitswünschen. Hinzu kommt eine fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung und ein deutlicher Selbstwertkonflikt als das zentrale Moment in diesem Schwindelgeschehen.

Eine Rolle spielt sicherlich auch die Tatsache, dass es keine Entlastung im Privatleben im Sinne einer glücklichen Partnerschaft gibt. Im Gegenteil: die Patientin zeigt auch im privaten Beziehungsgefüge - das wurde in der späteren Therapie deutlich - ein sehr kompliziertes Muster. Das liegt nun- in Kenntnis der Lebensgeschichte - daran, dass sie für sich keine positive weibliche Identifikation erleben konnte. Weiter war das, was sie an männlichem Vorbild gelernt hat, nur wenig attraktiv. Dieses hat eher Angst als Zuneigung ausgelöst. Dementsprechend sind auch ihre bisherigen Partnerschaften gescheitert.

Die Grundlage für die Therapie war eine gute medizinische Abklärung, die der Patientin ihre Furcht nehmen konnte, organisch erkrankt zu sein. Darüber hinaus ging es aber auch um ein Verständnis der für sie bis dahin nicht verstehbaren emotionalen Qualitäten, die sie regelrecht "überflutet" hatten".
Im weiteren Therapieverlauf war es dann wichtig, eigene Vorstellungen zu entwickeln, inwieweit sie lieber ihrem Vermeidungswunsch nachkommen würde oder aber der Erwartungs- und Förderungshaltung des Vorgesetzten. Dabei galt es auch abzuklären, inwieweit sie ihre tatsächlich vorhandenen Potentiale nutzen und dafür auch ein Stück Angst durchleben und durcharbeiten wollte.
In diesem Sinne wurde ein gezieltes Training angewandt, bei dem die Patientin die Situationen bewältigen sollte, in denen es ihr vorher schwindlig geworden war. Dabei wurde ihr persönlicher Schwierigkeitsgrad immer weiter gesteigert, um die Angst - verhaltenstherapeutisch - zu bewältigen.

Darüber hinaus ging es in der therapeutischen Beziehung darum, ihre bisher ungünstigen Beziehungsgestaltungen korrigieren zu können. Dabei konnten ihre positiven Anteile und ihre Fähigkeiten so gespiegelt werden, dass daraus Selbstvertrauen erwachsen konnte.

In diesem Beispiel zeigt sich, dass eine sonst unauffällige junge Frau Schwierigkeiten dadurch bekommt, dass sie etwas Besonderes kann. Die Angst war dabei auch die Tür (Einladung) zur Bewältigung und die Chance, "mehr aus sich zu machen" - wie im klassischen Aschenputtel-Märchen. Schon im Laufe der ersten sechs Monate kam es zu Verbesserungen. Die weiteren Monate waren gekennzeichnet durch deutliche Fortschritte bei der Bewältigung der Angst im privaten wie beruflichen Alltag. Die Patientin war nunmehr in der Lage, kleine Vorträge zu halten.

Allerdings gab es auch Rückfälle, denn an die gesundende Patientin wurden auch neue Ansprüche formuliert: Nach einem Wechsel in der Chefposition teilte der neue Vorgesetzte (zum einen sicher wohlmeinend in Anbetracht der vorhandenen Fähigkeiten der Patientin, zum anderen aber auch wegen den Personalkürzungen und der damit einhergehenden Aufgabenkonzentration Rechnung tragend) der Patientin weitere neue Tätigkeitsbereiche zu.
Das führte dazu, dass erneut Symptome starker Angst, Unsicherheit, Herzklopfen, manchmal auch Schwindel auftraten. Bei aller Problematik konnte dieser Wechsel für einen weitgehend positiven Entwicklungprozess therapeutisch genutzt werden:
Dabei lernte die Patientin allmählich, nicht jeden Rückschlag und nicht alle negativen - wiewohl sachlich begründeten - Rückmeldungen als persönliche Kränkung oder Aufdeckung ihrer Unsicherheit zu erleben.

Auf eigene Initiative ging die Patientin dann auch ihr Partnerschaftsproblem an. Nachdem sich "spontan" keine Ansprache eines für sie attraktiven männlichen Gegenübers einstellte, nahm sie über Partnerschaftsanzeigen Kontakt zu einem 10 Jahre älteren Mann auf.

Reaktiver Schwindel nach einem ursprünglich organisch ausgelöstem Schwindel

Nach organischen Gleichgewichtsausfällen, Kopfverletzungen, insbesondere nach Unfällen oder Beinbrüchen, kommen manche Menschen nicht mehr richtig "auf die Beine". Obwohl organisch "eigentlich" alles ausgeheilt sein müßte, bleibt eine Unsicherheit, ein taumeliges Gefühl, ein Schwindel. Dies ist durch die organische Erkrankung nicht mehr oder nicht allein ausreichend erklärbar.

Um zu verstehen, wie es (überhaupt) dazu kommen kann, seien ein paar Grundzüge des - meist unbewussten Lernens anhand eines anschaulichen Beispiels vorangestellt:
Oft läuft uns schon beim Anblick des Essens "das Wasser im Mund zusammen". Das ist eine äußerst sinnvolle, biologisch wichtige Reaktion. Wird regelmäßig gleichzeitig zum Essen geläutet, so reicht nach einer gewissen Zeit allein das Läuten aus, um das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen.

Was ist passiert?

Ein bis dahin im Zusammenhang mit dem Essen völlig unbedeutender Reiz (das Läuten) wird mit einer biologischen, schon immer vorhandenen Reaktion (der Essensaufnahme) gekoppelt.
Die Folge ist, dass der ehemals unbedeutende Reiz die gleiche Reaktion auslöst wie der biologisch Sinnvolle.

Bewährt sich die neue Verbindung zwischen Reiz (Läuten) und Reaktion (Speichelfluß), so kann auch das Läuten immer unspezifischer werden. Dann können immer mehr ähnliche Reize die obige Reaktion auslösen, wenn dies wiederum "belohnt" wird. Dies ist in diesem Fall dann gegeben, wenn dem "Reiz" auch das erwartete Essen folgt. Derartige Lernvorgänge finden häufig statt. Da wir uns damit nicht den ganzen Tag aktiv beschäftigen können, verschwindet vieles davon im Unbewussten. So kann es uns z.B. nach einer gewissen Zeit unbegreiflich erscheinen, warum uns bei einem bestimmten Läuten immer das Wasser im Munde zusammen läuft. Falls uns dies stören sollte, kann der Lernvorgang umgekehrt werden und die Reaktion auf das Läuten wieder verschwinden.
Nun reicht beim Menschen im Gegensatz zu Hunden, mit denen der russische Forscher Iwan Pawlow Anfang des Jahrhunderts experimentierte, schon das Denken an ein schmackhaftes Essen aus, um eine biologische Reaktion in Gang zu setzen.
Diese Macht der Gedanken, die wahrscheinlich nur bei Menschen so ausgeprägt sein kann, eröffnet uns viele Möglichkeiten, auch "vorausschauend" zu lernen, ohne jeden Lernschritt konkret in der Praxis durchführen zu müssen. So können wir zum Beispiel schon entscheiden, nicht vom Zehnmeterturm zu springen, wenn das Schwimmbecken gerade geleert ist, ohne dies vorher ausprobiert zu haben....

Wie kann sich aus einer "organischen Schwindelerkrankung" ein psychogener Schwindel entwickeln?

Ein großer Teil der Entstehung und insbesondere der Aufrechterhaltung der reaktiven psychogenen Schwindelproblematik ist durch Mechanismen der oben skizzierten (klassischen und der operanten) Konditionierung im Sinne der Lerntheorie gut erklärbar . Ähnliches gilt auch beispielsweise für das primär innenohrbedingte Menière-Geschehen ausführlich dort.
Zunächst werden nur durch das Innenohrgeschehen ausgelöst: Drehschwindel, Unsicherheit, Angst und Panik, und vielfältige vegetative Angst-Symptome.
So ist der Schwindel meist von heftigen Gefühlen und vegetativen Symptomen wie Schweiß, Blutdruckveränderungen, Herzklopfen usw. begleitet.

Natürlich finden diese nicht in einem isolierten luftleeren Raum statt, sondern bei gewissen "Begleitumstände", die dem Anfall vorausgingen oder in denen der Anfall stattfand.

 

1. Schritt:

 

während:

2. Schritt: Klassische Konditionierung

Abb. 2. Klassische Konditionierung beim reaktiven Schwindelanteil des M.Meniere
 

Bei entsprechender Sensibilität, die sicher für jeden Menschen unterschiedlich ist, können dann diese Begleitumstände oder Teile davon vollkommen unbewußt die gleichen Symptome auslösen wie ein organisch bedingter Menière Anfall.

Diese Begleitumstände sind oft:

Beantwortet wird diese Reizer dann zwar nicht von einem Drehschwindel mit Umfallen und insbesondere nicht mit der durch ein Augenzittern (Nystagmus) bedingten, sich drehenden Welt, aber die Gefühle von

sowie die "vegetativen" Symptome wie Schweiß, Blutdruckveränderungen, Herzklopfen usw. können genau so wie bei einem Menière Anfall erlebt werden.

Im Gefolge können dann auch noch die auslösenden Reize immer unspezifischer werden. Dann können schon ähnliche Situationen oder Phänomene zum Auslöser der Schwindel-Empfindungen führen, ein Vorgang, der als Reizgeneralisierung bezeichnet wird.

Hinzu kommt noch ein weiteres Phänomen. Auch die bei Schwindelanfällen fast schon natürlich auftretende Angst kann selbst wiederum wie Schwinden und Schwindel empfunden werden. Dies kann einen dauerhaften Prozeß des Angst-Schwindels und der Schwindel-Angst einleiten.

Wenn dies – ohne therapeutische Hilfe – möglicherweise zu einer immer weiteren Einengung sowie zur sozialen Isolierung führt, können weitere psychogene Folgeprobleme auftreten, die selbst wieder zu Angst und Schwindel führen können.

Dabei ist es wichtig zu wissen, daß diese Mechanismen überwiegend unbewußt verlaufen und für die Betroffenen – und meist für die Umgebung auch – oft "ungeheuerlich" in der Wirkung und im Verstehen sind.

Die psychogenen Schwindelformen sind um so häufiger zu erwarten, je weniger die Betroffenen nachvollziehbar über das organische Geschehen und seine Auswirkungen aufgeklärt sind. Daher kann sich der psychogene Schwindel selbst dann verfestigen, wenn das Gleichgewichtsorgan längst seine Funktion verloren hat.

Können Angst und Panik einen Menière-Schwindel verursachen?

Eine spannende, wenn auch möglicherweise nur spekulativ zu beantwortende Frage ist, inwieweit seelische Nöte bei der Entstehung oder Ausprägung der Menière-Erkrankung beteiligt sein können.
Speziell hinsichtlich der Auslösung des ersten Anfalls bei Menière-Patienten haben insbesondere tiefenpsychologisch orientierte Autoren Vermutungen angestellt.
Dabei glauben Fowler und Zeckel (1952), Hinchcliffe (1967), Basecquaz (1969), Groen (1983), Landino (1985) und Lamparter (1995, 1999), eine bedeutende seelisch vermittelte Komponente gefunden zu haben. Sie vermuten, dass es im Anfall zu einer explosionsartigen Spannungsabfuhr komme, nachdem die Betroffenen oft unfähig gewesen seien, einer existentiellen Erschütterung anders Ausdruck zu verleihen.

Groen (1983) berichtete über 21 Menière-Betroffene, bei denen er glaubte, gemeinsame Charakterzüge zu finden. Er beschrieb für sie eine überdurchschnittliche Intelligenz, die er an Berufsbildern festmachte, eine ausgeprägte Tendenz zur Zurückgezogenheit, zum Perfektionismus in Arbeit und Hobby sowie eine ausgeprägte Gewissenstruktur.
Er vermutete bei diesen 21 Patienten einen "Schlüssel-Schloß-Mechanismus" mit drei wesentlichen Einflußgrößen:
· eine mehr oder weniger spezifische Persönlichkeitsstruktur,
· einen zwischenmenschlichen Konflikt, der in besonderer Weise für eine Persönlichkeit mit eben dieser Struktur frustrierend ist
· und eine Hemmung oder Unmöglichkeit eines emotionalen Auslebens.

Landino (1985) untersuchte acht Patienten aus dem ländlichen Bereich. Auch diese zeigten in sich geschlossene Merkmale, die sich aber deutlich von denen Groens unterschieden.

Immerhin 30 Menière-Betroffene aus der Psychosomatischen Klinik Hamburg-Eppendorf konnte 1989 der Psychologe Rüster untersuchen. Er beschrieb sie - in der Psychologenfachsprache - als nachgiebige, rücksichtsvolle und aggressiv-gehemmte Menschen. Diese stellten sich gemäßigt, ausgeglichen und enorm gewissenhaft dar.

Der Hamburger Psychosomatiker Lamparter (1999, 1995) sieht den M. Menière in systematischer Nähe zu anderen psychosomatischen Krankheitsbildern mit umschriebener Krankheitsvorstellung, z.B. der Migräne. Als Schlußfolgerung hält er es für sinnvoll, durch eine nachhaltige psychologische Arbeit die seelische Spannung in einem solchen Ausmaß zu vermindern, dass eine Reduktion der Anfälle, wenn nicht eine generelle Veränderung des Geschehens, möglich wird.

46 Prozent unserer Patienten zeigten - unabhängig vom reaktiven Schwindel - vor oder bei dem Ausbruch der Erkrankung psychologische Grundkonstellationen, bei denen der Krankheitsausbruch aus der Not der Seele (psychodynamisch) durchaus als Ausdruck einer existentiellen Erschütterung gedeutet werden könnte (Schaaf 2000).

Das Problem der obigen Studien - einschließlich der unsrigen - ist aber, dass sie zwar in sich eine große Geschlossenheit zeigen, sich aber in wichtigen Punkten voneinander unterscheiden. Das könnte auch etwas damit zu tun haben, welche Sichtweise und Erwartungen die Analysten hatten. Immer fehlen Vergleichsgruppen in Bezug auf andere psychosomatisch Erkrankte und endlich auch statistisch überzeugende Fallzahlen. Dort wo Vergleichsgruppen einbezogen wurden, werden die Unterschiede um so kleiner und gehen gegen Null, wenn sich die Gruppen in ihrer Symptomatik dem M. Menière nähern, beschreiben Wexler und Crary (1986). Sie nehmen an, dass jede Erkrankung ihre eigene Psychopathologie hervorbringe.

Meine eigene Erfahrung und die Einschätzung Schilders haben mich persönlich 1995 dazu veranlaßt, die 1. Auflage meines Buches zum M. Menière im Untertitel "Krieg im Innenohr" zu nennen. Mir scheint das Bild zweier sich - unbewußt - bekämpfender Kräfte bei vielen Menière-Erkrankten oft stimmig.
Dennoch dürfte die Mehrzahl der seelischen Nöte, wie oben ausgeführt, eine Reaktion auf die organische Erkrankung sein.
Daneben gibt es wahrscheinlich auch viele Mischformen.

Seelischer Schwindel bei Psychiatrischen Erkrankungen

Psychiatrische Erkrankungen sind sehr viel häufiger, als im allgemeinen angenommen wird.
Dabei scheinen ca. sechs Prozent der Bevölkerung weltweit fachlich-psychiatrischer Hilfe zu bedürfen (Ernst 1998).
Dass diese Hilfe nur ungern aufgesucht wird, liegt sicher an den vielen Ängsten, die mit dem Wort "Psychiatrie" allgemein verbunden sind.
Im deutschsprachigen Raum kommt auch noch die teilweise unheilvolle Geschichte der Psychiatrie während der Zeit des Nationalsozialismus hinzu. Da aber psychiatrische Erkrankungen oft mit Schwindel einhergehen können, soll hier kurz auf die Problematik eingegangen werden.

Die Psychiatrie behandelt Kranke, deren "Gebrechen" sich in Veränderungen des Denkens, des Fühlens und des Antriebs äußert.
Am wichtigsten sind die Psychosen. Anders als Neurosen sind Psychosen Krankheitsbilder, bei denen die Beeinträchtigungen der seelischen Funktionen ein so großes Ausmaß erreicht haben, dass entweder
· der Realitätsbezug und/oder
· die Einsicht und die Fähigkeit, (überlebens-) wichtigen Anforderungen zu entsprechen, erheblich gestört ist.

Es handelt sich dabei z.B. um - vom Ausmaß her - schwere Depressionen.

Eigenständige psychiatrische Erkrankungen sind die Schizophrenie, Manie und die - im Gegensatz zu neurotisch bedingten Entwicklungen - "endogenen" Depressionen (Melancholie).

Menschen mit Psychosen haben oft nur eine sehr "dünne Haut".
So reagieren sie oft - dementsprechend - heftig gegenüber Kränkungen und Anforderungen. Besondere Verletzlichkeit besteht bei Belastungen, die mit emotionalen Beziehungen zusammenhängen. Dies können Trennungen und Verluste, aber auch "zu große Nähe" sein. Wer "zu nahe kommt", könnte ihr labiles Gleichgewicht bedrohen, selbst wenn es noch so "gut gemeint" ist.
Schwindel erleben diese Personen dann auch schon mal als "außerhalb von sich selbst", als Benommenheit, Schwebegefühl im Kopf, als ob man nicht wirklich da sei, als ob man neben sich stehe.
Wenn dann das Beziehungsgefüge durcheinander gerät und man einen sicher geglaubten Boden unter den Füßen verliert oder zu verlieren glaubt, dann können sich Abgründe existentieller Verunsicherung auftun: Es schwindelt, "wenn das ganze Dasein seinen Boden verliert" (wie es der Philosoph Karl Jaspers nannte).

Wichtig zu wissen ist nun, dass viele psychiatrische Erkrankungen
· Möglichkeiten des Ausgleichs,
· der ganz individuellen Kompensation und
· in einem großen Prozentsatz - die Möglichkeit der Heilung und der Besserung
beinhalten.

Das gilt auch für die Schizophrenie, die ca. zu einem Drittel geheilt und zu einem weiteren Drittel gebessert werden kann. In der Regel lohnt es sich also, Hilfe in Anspruch zu nehmen, statt wegzulaufen.

Organische Ursachen für einen seelisch erlebten Schwindel

Alle Formen geistiger Störungen, des Hirnabbaus (Demenz), z.B. bei der Alzheimer-Erkrankung oder bei anderen Erkrankungen mit schweren kognitiven Einschränkungen (also solchen des Denkens und der Gedächtnisleistungen) können als Schwindel empfunden werden.
Häufig sind aber auch chronische Krankheiten die Ursache, die durch schädigende Substanzen hervorgerufen werden. Am häufigsten geschieht dies durch den mißbräuchlichen Genuß von Alkohol.

Alkohol und Schwindel

Alkohol greift direkt in die Funktionsweise des Gleichgewichtsorgans ein, was anfangs noch als "angenehmer Taumel" und "Lockerheit" wahrgenommen wird. Mit zunehmender Menge kommt es zu Gangstörungen und Orientierungslosigkeit. Darüber hinaus senkt der Alkohol oft den Blutdruck. Neben dem Gefühl einer sich drehenden Umwelt kann es dann zusätzlich noch zu einem Schwarzwerden vor den Augen und zur Ohnmacht kommen.
Chronischer Alkoholmißbrauch schädigt zunehmend und dauerhaft die feinen Nerven und Körpereigenfühler.
Dies macht sich durch Missempfindungen, Sensibilitätsstörungen bis hin zu Taubheitsgefühlen bemerkbar, häufig auch mit anhaltender Stand- und Gehunsicherheit. Bei weiter andauerndem Alkoholmissbrauch kann es zusätzlich noch zu Schädigungen im Ernährungshaushalt kommen. Dies kann zu einer Schädigung der sensiblen Rückenmarksbahnen führen. So werden Impulse von der Fußsohle nicht mehr bis zum zentralen gleichgewichtsverarbeitenden System weitergeleitet.
Fehlt auch noch das Vitamin B1, kommt es zu einem direkten Untergang von Nervenzellen, vor allen Dingen im Hirnstamm. Die sich daraus entwickelnde Wernicke-Enzephalopathie geht einher mit zentralen Gleichgewichtsstörungen, Doppelbildern, Augenzittern und Bewusstseinsstörungen.

Schwindel in verschiedenen Altersstufen

Erinnern wir uns an die Bedingungen für das Wachstum der Seele und ihre möglichen "Stolperfelder", so kann Schwindel an vielen Stellen auftreten.
Dabei kann er Zeichen einer nicht geglückten Entwicklung oder Ausdruck eines wieder aus den Fugen geratenen seelischen Zustands sein (s. auch Modestin S. xx)
So finden sich Schwindelerscheinungen (als somatischer Kristallisationspunkt von Konflikten) etwa im Übergang des Herauslösens aus der elterlichen Abhängigkeit in die eigene Selbstfindung. Das kann heute eine lange Zeit einnehmen, bis die Eigenständigkeit auch durch eigene Finanzierung untermauert ist.

In jedem Lebensalter kann sich auf der unbewußten Ebene ein Schwindel melden, nämlich immer dann, wenn Probleme unlösbar scheinen.
Im höheren Alter, wenn die Kräfte - auch die seelischen (Abwehr-) Kräfte - nachlassen, kann Schwindel der Anlass sein, sich regressiv in die Krankheit zu begeben.

Schwindel bei Kindern und Jugendlichen

Organische Schwindelerkrankungen sind bei Kindern glücklicherweise relativ selten.
Wenn sie aber auftreten, werden sie häufig nicht erkannt, da Kinder schlechter als Erwachsene konkret über ihre Körpergefühle berichten können.
Eine der häufigsten Ursachen eines Schwindels bei Kleinkindern ist die versehentliche Einnahme von Medikamenten, die den Eltern oder Großeltern verschrieben wurden. Wenn auch selten, so findet sich auch bei Kindern schon mal ein gutartiger Lagerungs-Schwindel (s. xx).
Häufiger findet sich schon bei Jugendlichen eine Sonderform der Migräne: die Basilarismigräne.
Der diffuse Schwindel äußert sich als Benommenheit, manchmal auch als Unfähigkeit, klar zu denken.
Der Drehschwindel und der Lageschwindel gehen wahrscheinlich auf eine - vorübergehende - Durchblutungsstörung im Hirnstamm zurück.
Wenn der Migräneschwindel ohne Kopfschmerzen auftritt, weisen die sonst auch für eine Migräne typischen Begleitumstände den Weg zur Diagnose.
Dies sind eine gleichzeitige Licht- oder Lärmempfindlichkeit, Missempfindungen um den Mund oder an den Fingern und verschiedenartige Sehstörungen, die Minuten bis Stunden anhalten können.

Midlife crisis

In der sog. Midlife crisis kann ein Schwindel die (überfällige) Wende des Lebens anzeigen. Wenn die biologischen "Hausaufgaben", wie ökonomische Sicherung des Lebens, Übernehmen von gesellschaftlichen Funktionen, Kindererziehung etc. soweit erfüllt sind, fragt man sich oft: "Was nun?" .
Hier entsteht i.d.R. ein Riesenlochvon enttäuschten Erwartungen oder oft auch gähnender Langeweile, bei denen die alten Muster der Bestätigung und Selbstbestätigung nicht mehr ausreichend funktionieren.
Dann steht vielleicht die ganz eigene "Individuation" im Vordergrund, kommt aber nicht entsprechend voran.

Schwindel im höheren Alter

Im Alter häufen sich die Möglichkeiten, an Schwindel zu erkranken.
So geben etwa 50% aller männlichen und 60% aller weiblichen Patienten über 70 Jahre Gleichgewichtsstörungen bzw. Schwindel an. Bei Patienten über 75 Jahren stellt der Schwindel sogar das häufigste Symptom dar (Füsgen 1998).

Ein Grund kann sein, die - körperlich meist doch enger werdenden - Grenzen nicht zu erkennen. Oder aber jemand ist mit 70 immer noch nicht fähig, andere Wege als die von 30jährigen zu gehen.
So erging es einem 67-jährigen Rentner. Dieser hatte sein Leben lang immer gerne gearbeitet und fühlte sich auch in der Arbeit immer wohl. Obwohl er "für sein Alter" einen körperlich rüstigen Eindruck machte, hatte er etwas Übergewicht angesetzt. Zwar waren Herz und Lunge weitestgehend in Ordnung, aber nicht mehr unendlich belastbar. So kam es bei Aufgaben, die er im Alter von 30, 40 und angeblich auch noch als 50 gut ausführen konnte, zu Zusammenbrüchen, die bei einem normalen Arztbesuch im Ruhezustand nicht sichtbar waren.
In einem solchen Fall ist es nicht sinnvoll, die einzelnen, an sich gesunden Komponenten mit Kreislaufmitteln oder sog. durchblutungsfördernden Medikamenten "zu therapieren". Wichtiger ist es, den eigenen Grenzen Rechnung zu tragen. Dazu gehört, Pausen einzulegen, für genügende Flüssigkeitszufuhr zu sorgen und etwa das Gewicht in Augenschein zu nehmen. Wenn sich dann noch die Lebensfreude in einem neuen Rahmen entwickeln kann, muß der Körper nicht zeigen, dass etwas aus dem Lot geraten ist.
In diesem Fall hatte der Patient Glück. Sein langjähriger Hausarzt hatte nur das an Diagnostik vorgenommen, was tatsächlich für den Ausschluß einer bösartigen Krankheit nötig war. So geriet der Mann nicht in den Teufelskreislauf, durch immer mehr fraglich wirksame Medikamente behandelt zu werden, deren Nebenwirkung möglicherweise auch einen zusätzlichen Schwindel hinzugefügt hätten.

Der sog. "Multisensorische Schwindel" ... mit zunehmendem Verlust - auch von Sozialkontakten

Bei den meisten älteren Menschen nimmt - anders als bei obigem Rentner - der Schwindel zu, weil mit dem Alter immer mehr Teile des Gleichgewichtssystems erkranken können. Auch ohne große Auffälligkeiten können viele kleinere Schäden gemeinsam zu einer doch beträchtlichen Einschränkung des Gleichgewichtsvermögens führen:
So kann eine kleine Sehstörung zusammen mit einer abgeschwächten Empfindlichkeit der Körpereigenfühler und/oder einem kleinen Ausfall im Gleichgewichtsorgan einen sogenannten "multisensorischen Schwindel" auslösen. Dieser kann dann als Schwankschwindel oder als ein meist diffuses, vages Gefühl von den Betroffenen wahrgenommen werden. Hinzu kommt oft die Angst vor Schlimmerem, etwa vor Stürzen. So meiden viele alte Menschen zunehmend das Sich-Fortbewegen überhaupt. Indem sie das Aus-Üben unterlassen, wird ihr Gleichgewichtssystem geschwächt - und zwar auch ohne Körperschaden. Dann können schon kleinere, eigentlich banale Störungen der Raumorientierung tatsächlich zum Schwindel, zum Stolpern und schließlich auch zu Stürzen führen. Gleichzeitig kann im Alter das Netz der sozialen Beziehungen immer dünner werden. So gibt es für alte Patienten immer weniger vertraute Personen in ihrer Umgebung, die ihnen helfen könnten. Sie verlieren also nicht selten immer mehr Sicherheit, was wiederum erst recht den Boden für Schwindelgefühle bereitet. Dies endet häufig in sozialer Isolation und depressiven Tendenzen. Hier kann der diagnostische Kurzschluß: "Alter Mensch - weitere Körperkrankheit" zu einer fatalen Fehldiagnose führen.

Dabei können auch seelische Störungen - auch bei älteren Menschen - meist gut behandelt werden. Heuft u.a. (2000) benennen drei Ursachen einer möglichen seelischen (akuten funktionellen) Somatisierung bei älteren Menschen:

(1) Der anhaltende - nie gelöste - seelische (neurotische) Konflikt
   Ein solcher zeigt sich bei Menschen, die seit ihrer Kindheit beziehungsweise Jugendzeit zwar einen neurotischen Kernkonflikt haben, jedoch aufgrund günstiger Umstände über mehrere Jahrzehnte gut damit umgehen konnten oder ihre Nische gefunden haben. Auslösesituationen für ein Symptom mit Krankheitswert können so genannte "Schwellensituationen" in der zweiten Hälfte des Erwachsenenlebens werden.

Dies sind zum Beispiel
    · Ruhestand,
    · Tod eines Partners
    · oder Wegzug des letzten Kindes.

In diesem Fall bedürfen alte Menschen - so Heuft - keiner grundsätzlich "anderen" Psychotherapie als jüngere.
Positiv anknüpfen kann man therapeutisch dabei an der über Jahrzehnte hinweg gelungenen Abwehrleistung, die für eine hohe psychische Kompetenz spricht.

(2) Aktualkonflikte

Ein anderes Wirkmuster lasse sich bei Menschen beobachten, in deren Lebensgeschichte sich kein Kernkonflikt zeigt. Diese haben in ihrem Lebenslauf alle bisherigen Anforderungen und Schwellensituationen gut bewältigt.
Scheitern können Sie natürlich an für sie neuen Aufgaben, die im bisherigen Lebenslauf nicht eingeübt werden konnten (zum Beispiel Umgang mit der Einsamkeit und dem Alleinsein: man wird nicht mehr gebraucht für das bisher Gewohnte und es gibt keine sinnvolle neue Aufgabe, z.B. Enkel). Diese Aktualkonflikte sind - so Heuft - den Betroffenen in der Regel bewußt. Sie können jedoch nicht durch reine Willensanstrengung gelöst werden. Das heißt, es nutzt nichts, dies zu benennen ("nur" darüber zu reden), sondern es muß, ggf. auch mit psychotherapeutischer Hilfe, bearbeitet werden.

(3) Trauma-Reaktivierungen

Weniger bekannt ist bisher, dass Menschen - auch noch nach Jahrzehnten, in denen "trotzdem alles noch irgendwie gut gegangen ist" eine Reaktivierung eines schweren Traumas - erleiden können.
Das sind in unserer Epoche nun - gut 55 Jahre nach dem 2. Weltkrieg - Erlebnisse des Krieges, der Vertreibung und des Holocaust.
Wenn mit dem Alter die seelische Regulationsleistung (Abwehr) nachläßt, können dann - scheinbar plötzlich - die entsetzlichen Erlebnisse wieder "vor Augen treten". Kennzeichnend für die traumatische Erfahrung sind Gefühle von Ausgeliefertheit und Hilflosigkeit.
Hier rücken wieder unbeantwortete Fragen in den Vordergrund:
  · nach dem Warum?,
  · nach der "Schuld" auch des eigenen Überlebens, obwohl die anderen umgekommen sind
  · nach und der Brüchigkeit des menschlichen Lebens.

Dann geht es in der Therapie oft darum, dass diese Erfahrungen erstmals (!) emotional (mit-)geteilt werden können.


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